Instinkt

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Annette von Droste-Hülshoff: Instinkt (1844)

1
Bin ich allein, verhallt des Tages Rauschen
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Im frischen Wald, im braunen Haideland,
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Um mein Gesicht die Gräser nickend bauschen,
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Ein Vogel flattert an des Nestes Rand,
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Und mir zu Füßen liegt mein treuer Hund,
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Gleich Feuerwürmern seine Augen glimmen,
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Dann kommen mir Gedanken, ob gesund,
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Ob krank, das mag ich selber nicht bestimmen.

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Ergründen möcht ich, ob das Blut, das grüne,
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Kein Lebenspuls durch jene Kräuter trägt,
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Ob
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Bewußtlos ihre rauhen Netze schlägt,
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Was in dem weißen Sterne
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Wenn er, die Fäden streckend, leise schauert,
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Und ob, vom Duft der Menschenhand gestreift,
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Gefühllos ganz die Sensitive trauert?

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Und wieder muß ich auf den Vogel sehen,
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Der dort so zürnend seine Federn sträubt,
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Mit kriegerischem Schrei mich aus den Nähen
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Der nackten Brut, nach allen Kräften treibt.
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Was ist Instinkt? — tiefsten Gefühles Heerd;
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Instinkt trieb auch die Mutter zu dem Kinde,
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Als jene Fürstin, von der Glut verzehrt,
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Als Heilge ward posaunt in alle Winde.

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Und du, mein zottger Tremm, der schlafestrunken
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Noch ob der Herrin wacht, und durch das Grün
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Läßt blinzelnd streifen seiner Blicke Funken,
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Sag an, was deine klugen Augen glühn?
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Ich bin es nicht, die deine Schale füllt,
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Nicht gab der Nahrung Trieb dich mir zu eigen,
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Und mit der Sklavenpeitsche kann mein Bild
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Noch minder dir im dumpfen Hirne steigen.

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Wer kann mir sagen, ob des Hundes Seele
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Hinaufwärts, oder ob nach unten steigt?
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Und müde, müde drück' ich in die Schmehle
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Mein Haupt, wo siedend der Gedanke steigt.
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Was ist es, das ein hungermattes Thier,
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Mit dem gestohlnen Brode für das bleiche
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Blutrünst'ge Antlitz, in das Waldrevier
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Läßt flüchten und verschmachten bei der Leiche?

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Das sind Gedanken, die uns könnten tödten,
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Den Geist betäuben, rauben jedes Glück,
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Mit tausendfachem Mord die Hände röthen,
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Und leise schaudernd wend' ich meinen Blick.
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O schlimme Zeit, die solche Gäste rief
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In meines Sinnens harmlos lichte Bläue!
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O schlechte Welt, die mich so lang' und tief
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Ließ grübeln über eines Pudels Treue!

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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