Ein braver Mann

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Ein braver Mann (1844)

1
Noch lag, ein Wetterbrodem, schwer
2
Die Tyrannei auf Deutschlands Gauen,
3
Die Wachen schlichen scheu umher,
4
Die Menge schlief in dumpfem Grauen;
5
Ein Seufzer schien der Morgenwind
6
Aus angstgepreßter Brust zu brechen;
7
Nur die Kanone durfte sprechen
8
Und lächeln durfte nur das Kind.

9
Da lebt' im Frankenland ein Mann,
10
Der bittre Stunden schon getragen,
11
In drängenden Geschickes Bann
12
Gar manche Täuschung sonder Klagen;
13
Ihm war von seiner Ahnen Flur
14
Der edle Name nur geblieben,
15
Von allen, allen Jugendtrieben
16
Des Herzens warm Gedenken nur.

17
Durch frühes Siechthum schwer gebeugt
18
Und jeglichem Beruf verdorben,
19
Hätt' oft er gern das Haupt geneigt
20
Und wär' in Frieden nur gestorben;
21
An seinen Schläfen lagen schon
22
Mit vierzig Jahren weiße Garben,
23
Und seiner Züge tiefe Narben
24
Verriethen steter Sorge Frohn.

25
Doch freundlich trug er jeden Dorn,
26
Der auf dem Pfade ihm begegnet,
27
Geschlagen von des Schicksals Zorn,
28
Doch von der Götter Hand gesegnet.
29
Und eine Kunst war ihm bescheert,
30
So mild wie seiner Seele Hauchen,
31
Sein Pinsel ließ die Wiesen rauchen
32
Und flammen des Vulkanes Heerd.

33
Es waren Bilder die mit Lust
34
Ein unverdorbnes Herz erfüllen,
35
Wie sie entsteigen warmer Brust
36
Und reiner Phantasie entquillen;
37
Doch Mäcklern schienen sie zu zart,
38
Den Stempel hoher Kunst zu tragen:
39
So hat er schwer sich durchgeschlagen
40
Und täglich am Bedarf gespart.

41
Da ward in Winterabends Lauf
42
Ein Brief ihm von der Post gesendet;
43
Er riß bestürzt das Siegel auf:
44
O Gott, die Sorgen sind beendet!
45
Des fernen Vetters Todtenschein
46
Hat als Agnaten ihn berufen,
47
Er darf nur treten an die Stufen,
48
Die reichen Lehne harren sein!

49
Wer denkt es nicht, daß ihm gepreßt
50
Aus heißer Wimper Thränen flossen!
51
Dann plötzlich steht sein Auge fest,
52
Der Zähren Quelle ist geschlossen.
53
Er liest, er tunkt die Feder ein,
54
Hat nur Sekunden sich berathen,
55
Und an den nächsten Lehnsagnaten
56
Schreibt muthig er beim Lampenschein:

57
„wohl sagt man, daß Tyrannenmacht
58
Nicht Eides
59
Doch wo in uns ein Zweifel wacht,
60
Da müssen wir zum Besten ringen.
61
Nimm hin der Väter liebes Schloß,
62
— O würd' ich einstens dort begraben! —
63
Ich bin gewöhnt nicht viel zu haben,
64
Und mein Bedürfniß ist nicht groß.“

65
Wer unter Euch von Opfern spricht,
66
Von edleren, und Märtrerzeichen,
67
Der sah gewiß noch Jahre nicht,
68
Nicht vierzig Jahr in Sorg' entschleichen!
69
Ihr die mit Stärke prunkt und gleich
70
Euch drängt zu stolzer Thaten Weihe:
71
— Er war ein Mann wie Wachs so weich,
72
Nur stark in Gott und seiner Treue.

73
Und wie es ferner ihm erging?
74
Er hat gemalt bis er gestorben,
75
Zuletzt, in langer Jahre Ring,
76
Ein schmal Vermögen sich erworben;
77
Nie hat auf der Begeistrung Höh'
78
Sein schamhaft Schweigen er gebrochen,
79
Und keine Seele hat gesprochen
80
Von seinem schweren Opfer je.

81
Zweimal im Leben gab das Glück
82
Vor seinem Antlitz mir zu stehen,
83
In seinem mild bescheidnen Blick
84
Des Geistes reinen Blitz zu sehen.
85
Und im December hat man dann
86
Des Sarges Deckel zugeschlagen
87
Und still ihn in die Gruft getragen.
88
— Das ist das Lied vom braven Mann.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.