Mein Beruf

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Annette von Droste-Hülshoff: Mein Beruf (1844)

1
„was meinem Kreise mich enttrieb,
2
Der Kammer friedlichem Gelasse?“
3
Das fragt ihr mich als sey, ein Dieb,
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Ich eingebrochen am Parnasse.
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So hört denn, hört, weil ihr gefragt:
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Bei der Geburt bin ich geladen,
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Mein Recht soweit der Himmel tagt,
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Und meine Macht von Gottes Gnaden.

9
Jetzt wo hervor der todte Schein
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Sich drängt am modervollen Stumpfe,
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Wo sich der schönste Blumenrain
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Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe,
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Der Geist, ein blutlos Meteor,
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Entflammt und lischt im Moorgeschwehle,
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Jetzt ruft die Stunde: „tritt hervor,
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Mann oder Weib, lebend'ge Seele!

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„tritt zu dem Träumer, den am Rand
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Entschläfert der Datura Odem,
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Der, langsam gleitend von der Wand,
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Noch zucket gen den Zauberbrodem.
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Und wo ein Mund zu lächeln weiß
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Im Traum, ein Auge noch zu weinen,
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Da schmettre laut, da flüstre leis,
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Trompetenstoß und West in Hainen!

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„tritt näher, wo die Sinnenlust
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Als Liebe giebt ihr wüstes Ringen,
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Und durch der eignen Mutter Brust
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Den Pfeil zum Ziele möchte bringen,
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Wo selbst die Schande flattert auf,
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Ein lustiges Panier zum Siege,
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Da rüttle hart: „wach auf, wach auf,
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Unsel'ger, denk an deine Wiege!“

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„denk an das Aug', das überwacht
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Noch eine Freude dir bereitet,
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Denk an die Hand, die manche Nacht
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Dein Schmerzenslager dir gebreitet,
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Des Herzens denk, das einzig wund
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Und einzig selig deinetwegen,
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Und dann knie nieder auf den Grund
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Und fleh' um deiner Mutter Segen!“

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„und wo sich träumen wie in Haft
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Zwei einst so glüh ersehnte Wesen,
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Als hab' ein Priesterwort die Kraft
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Der Banne seligsten zu lösen,
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Da flüstre leise: „wacht, o wacht!
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Schaut in das Auge euch, das trübe,
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Wo dämmernd sich Erinnrung facht,
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Und dann: wach auf, o heil'ge Liebe!“

49
„und wo im Schlafe zitternd noch
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Vom Opiat die Pulse klopfen,
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Das Auge dürr, und gäbe doch
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Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, —
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O, rüttle sanft! „Verarmter, senk'
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Die Blicke in des Aethers Schöne,
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Kos' einem blonden Kind und denk'
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An der Begeistrung erste Thräne.“

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So rief die Zeit, so ward mein Amt
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Von Gottes Gnaden mir gegeben,
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So mein Beruf mir angestammt,
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Im frischen Muth, im warmen Leben;
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Ich frage nicht ob ihr mich nennt,
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Nicht fröhnen mag ich kurzem Ruhme,
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Doch wißt: wo die Sahara brennt,
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Im Wüstensand, steht eine Blume,

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Farblos und Duftes baar, nichts weiß
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Sie als den frommen Thau zu hüten,
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Und dem Verschmachtenden ihn leis
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In ihrem Kelche anzubieten.
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Vorüber schlüpft die Schlange scheu
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Und Pfeile ihre Blicke regnen,
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Vorüber rauscht der stolze Leu,
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Allein der Pilger wird sie segnen.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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