Die Schenke am See

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Annette von Droste-Hülshoff: Die Schenke am See (1844)

1
Ist's nicht ein heit'rer Ort, mein junger Freund,
2
Das kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,
3
Wo so possierlich uns der Wirth erscheint,
4
So übermächtig sich die Landschaft breitet;
5
Wo uns ergötzt im neckischen Contrast
6
Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,
7
Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,
8
Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

9
Sitz nieder. — Traube! — und behend erscheint
10
Zopfwedelnd der geschäftige Pigmäe;
11
O sieh, wie die verletzte Beere weint
12
Blutige Thränen um des Reifes Nähe;
13
Frisch greif in die kristallne Schale, frisch,
14
Die saftigen Rubine glühn und locken;
15
Schon fühl' ich an des Herbstes reichem Tisch
16
Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

17
Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,
18
Und ich, ich will an deiner lieben Seite
19
Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.
20
Schau her, schau drüben in die Näh' und Weite;
21
Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt,
22
Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,
23
Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt,
24
Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!

25
Hörst du das Alphorn über'm blauen See?
26
So klar die Luft, mich dünkt ich seh' den Hirten
27
Heimzügeln von der duftbesäumten Höh' —
28
War's nicht als ob die Rinderglocken schwirrten?
29
Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt —
30
Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen;
31
Wenn eine Gemse an der Klippe hängt,
32
Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen.

33
Trink aus! — die Alpen liegen Stundenweit,
34
Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,
35
Wo Träume lagern langverschollner Zeit,
36
Seltsame Mähr und zorn'ge Abentheuer.
37
Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau
38
Zu grübeln über dunkler Thaten Reste;
39
Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau
40
Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

41
Sieh' drunten auf dem See im Abendroth
42
Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;
43
Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Loth,
44
Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;
45
Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!
46
Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;
47
Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf —
48
Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

49
Noch einen Blick dem segensreichen Land,
50
Den Hügeln, Auen, üpp'gem Wellen-Rauschen,
51
Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand
52
Freundliche Augen unserm Pfade lauschen;
53
Brich auf! — da haspelt in behendem Lauf
54
Das Wirthlein Abschied wedelnd uns entgegen:
55
„ — Geruh'ge Nacht — stehn's nit zu zeitig auf! — “
56
Das ist der lust'gen Schwaben Abendsegen.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.