Der Haidemann. Hier nicht das bekannte Gespenst, sondern die Nebelschicht, die sich zur Herbst- und Frühlingszeit Abends über den Haidegrund legt

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Haidemann. Hier nicht das bekannte Gespenst, sondern die Nebelschicht, die sich zur Herbst- und Frühlingszeit Abends über den Haidegrund legt (1844)

1
„geht, Kinder, nicht zu weit in's Bruch,
2
Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug
3
Die Biene matter, schlafgehemmt,
4
Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch,
5
Der Haidemann kömmt! —“

6
Die Knaben spielen fort am Raine,
7
Sie rupfen Gräser, schnellen Steine,
8
Sie plätschern in des Teiches Rinne,
9
Erhaschen die Phalän' am Ried,
10
Und freu'n sich, wenn die Wasserspinne
11
Langbeinig in die Binsen flieht.

12
„ihr Kinder, legt euch nicht in's Gras, —
13
Seht, wo noch grad' die Biene saß,
14
Wie weißer Rauch die Glocken füllt.
15
Scheu aus dem Busche glotzt der Haas,
16
Der Haidemann schwillt! —“

17
Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmehle
18
Noch aus dem Dunst, in seine Höhle
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Schiebt sich der Käfer und am Halme
20
Die träge Motte höher kreucht,
21
Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,
22
Der unter ihre Flügel steigt.

23
„ihr Kinder, haltet euch bei Haus,
24
Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;
25
Seht, wie bereits der Dorn ergraut,
26
Die Drossel ächzt zum Nest hinaus,
27
Der Haidemann braut! —“

28
Man sieht des Hirten Pfeife glimmen,
29
Und vor ihm her die Heerde schwimmen,
30
Wie Proteus seine Robbenschaaren
31
Heimschwemmt im grauen Ocean.
32
Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren
33
Und melancholisch kräht der Hahn.

34
„ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht,
35
Seht, wie die feuchte Nebelschicht
36
Schon an des Pförtchens Klinke reicht;
37
Am Grunde schwimmt ein falsches Licht,
38
Der Haidemann steigt! —“

39
Nun strecken nur der Föhren Wipfel
40
Noch aus dem Dunste grüne Gipfel,
41
Wie über'n Schnee Wacholderbüsche;
42
Ein leises Brodeln quillt im Moor,
43
Ein schwaches Schrillen, ein Gezische
44
Dringt aus der Niederung hervor.

45
„ihr Kinder, kommt, kommt schnell herein,
46
Das Irrlicht zündet seinen Schein,
47
Die Kröte schwillt, die Schlang im Ried;
48
Jetzt ist's unheimlich draußen seyn,
49
Der Haidemann zieht! —“

50
Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend
51
Zergeht die Fichte, langsam tauchend
52
Steigt Nebelschemen aus dem Moore,
53
Mit Hünenschritten gleitet's fort;
54
Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,
55
Der Krötenchor beginnt am Bord.

56
Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen
57
Des Hünen Glieder zu durchziehen;
58
Es siedet auf, es färbt die Wellen,
59
Der Nord, der Nord entzündet sich —
60
Glutpfeile, Feuerspeere schnellen,
61
Der Horizont ein Lavastrich!

62
„gott gnad' uns! wie es zuckt und dräut,
63
Wie's schwehlet an der Dünenscheid'! —
64
Ihr Kinder, faltet eure Händ',
65
Das bringt uns Pest und theure Zeit —
66
Der Haidemann brennt! —“

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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