Die Krähen

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Krähen (1844)

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Heiß, heiß der Sonnenbrand
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Drückt vom Zenith herunter,
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Weit, weit der gelbe Sand
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Zieht sein Gestäube drunter;
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Nur wie ein grüner Strich
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Am Horizont die Föhren;
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Mich dünkt, man müßt' es hören,
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Wenn nur ein Kranker schlich.

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Der blasse Aether siecht,
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Ein Ruhen rings, ein Schweigen,
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Dem matt das Ohr erliegt;
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Nur an der Düne steigen
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Zwei Fichten, dürr, ergraut —
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Wie Trauernde am Grabe —
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Wo einsam sich ein Rabe
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Die rupp'gen Federn kraut.

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Da zieht's in Westen schwer
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Wie eine Wetterwolke,
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Kreis't um die Föhren her
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Und fällt am Haidekolke;
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Und wieder steigt es dann,
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Es flattert und es ächzet,
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Und immer näher krächzet
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Das Galgenvolk heran.

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Recht, wo der Sand sich dämmt,
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Da lagert es am Hügel;
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Es badet sich und schwemmt,
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Stäubt Asche durch die Flügel
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Bis jede Feder grau;
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Dann rasten sie im Bade,
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Und horchen der Suade
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Der alten Krähenfrau,

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Die sich im Sande reckt,
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Das Bein lang ausgeschossen,
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Ihr eines Aug' gefleckt,
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Das andre ist geschlossen;
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Zweihundert Jahr und mehr
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Gehetzt mit allen Hunden,
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Schnarrt sie nun ihre Kunden
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Dem jungen Volke her:

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„ja, ritterlich und kühn all sein Gebahr!
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Wenn er so herstolzirte vor der Schaar,
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Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken,
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Da mußt ich immer an Sanct Görgen denken,
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Den Wettermann, der — als am Schlot ich saß,
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Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen —
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Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß
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Ich es dem alten Raben möchte gönnen,
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Der dort von seiner Hopfenstange schaut,
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Als sey ein Baum er und wir andern Kraut! —

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„kühn war der Halberstadt, das ist gewiß!
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Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,
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Dann standen seine Landsknecht' auf den Füßen
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Wie Speere, solche Blicke konnt er schießen.
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Einst brach sein Schwert; er riß die Kuppel los,
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Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.
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Ich war nur immer froh, daß flügellos,
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Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:
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Denn nie hab' ich gesehn, daß aus der Schlacht
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Er eine Leber nur bei Seit' gebracht.

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„an einem Sommertag, — heut sind es grad
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Zweihundert fünfzehn Jahr, es lief die Schnat
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Am Damme drüben damals bei den Föhren —
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Da konnte man ein frisch Drometen hören,
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Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,
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Radschlagen sah man Reuter von den Rossen,
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Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei;
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Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,
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Granat' und Wachtel liefen kunterbunt
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Wie junge Kibitze am sand'gen Grund.

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„ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch
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Man überschauen konnte recht mit Fug;
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Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,
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Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,
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Hat seinen Stab geschwungen so und so;
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Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten —
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Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh',
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Es knallte, daß ich bin zu Fall gerathen,
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Und als Kopfüber ich vom Galgen schoß,
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Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.

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„mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl', ich schwang
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Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;
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Entlang die Haide fuhr ich mit Gekrächze.
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Am Grunde, welch' Geschrei, Geschnaub', Geächze!
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Die Rosse wälzten sich und zappelten,
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Todtwunde zuckten auf, Landsknecht' und Reuter
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Knirschten den Sand, da näher trappelten
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Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,
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Und mancher hat noch einen Stich versucht,
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Als über ihn der Baier weggeflucht.

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„noch lange haben sie getobt, geknallt,
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Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;
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Doch als die Sonne färbt' der Föhren Spalten,
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Ha welch ein köstlich Mahl ward da gehalten!
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Kein Geier schmaußt, kein Weihe je so reich!
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In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,
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Das gab ein Hacken, Picken, Leich' auf Leich —
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Allein der Halberstadt war nicht darunter:
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Nicht kam er heut', noch sonst mir zu Gesicht,
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Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.“

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Sie zuckt die Klaue, krau't den Schopf,
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Und streckt behaglich sich im Bade;
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Da streckt ein grauer Herr den Kopf,
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Weit älter, als die Scheh'razade.
105
„ha,“ krächzt er, „das war wüste Zeit, —
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Da gab's nicht Frauen, wie vor Jahren,
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Als Ritter mit dem Kreuz gefahren,
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Und man die Münster hat geweiht!“
109
Er hustet, speit ein wenig Sand und Thon,
110
Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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