1
Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,
2
Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,
3
Blau, gelb, zinnoberroth, als ob zur Gant
4
Natur die Trödelbude aufgeschlagen.
5
Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,
6
Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,
7
Als das Gerölle gleißend wie vom Schliff
8
Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff
9
Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.
10
Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneus,
11
Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,
12
Und um den Glimmer fahren Silberblitze;
13
Gesprenkelte Porphire, groß und klein,
14
Die Okerdruse und der Feuerstein —
15
Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,
16
Die zorn'ge Welle hat sie hergescheucht,
17
Leviathan mit seiner Riesenschuppe,
18
Als schäumend übern Sinai er fuhr,
19
Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,
20
Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,
21
Als dann am Ararat die Arche stand,
22
Und, eine fremde, üppige Natur,
23
Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. —
24
Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,
25
Der mütterlichen sie gerissen sind,
26
In fremde Wiege schlummernd unbewußt,
27
Die fremde Hand sie legt wie's Findelkind.
28
O welch' ein Waisenhaus ist diese Haide,
29
Die Mohren, Blaßgesicht, und rothe Haut
30
Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!
31
Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!
32
Tief in's Gebröckel, in die Mergelgrube
33
War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;
34
Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,
35
Und horchte träumend auf der Luft Geharf.
36
Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall
37
Melodisch schwinde im zerstörten All;
38
Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,
39
Wenn brodelnd es in sich zusamm'gesunken;
40
Mir über'm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,
41
Als scharre in der Asche man den Funken.
42
Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor,
43
Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.
44
Vor mir, um mich der graue Mergel nur,
45
Was drüber sah ich nicht; doch die Natur
46
Schien mir verödet, und ein Bild erstand
47
Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;
48
Ich selber schien ein Funken mir, der doch
49
Erzittert in der todten Asche noch,
50
Ein Findling im zerfall'nen Weltenbau.
51
Die Wolke theilte sich, der Wind ward lau;
52
Mein Haupt nicht wagt' ich aus dem Hohl zu strecken,
53
Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken,
54
Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte —
55
War ich der erste Mensch oder der letzte?
56
Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen —
57
Noch schienen ihre Stralen sie zu zücken,
58
Als sie geschleudert von des Meeres Busen,
59
Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.
60
Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,
61
Ich Petrefakt, ein Mammuthsknochen drinn!
62
Und müde, müde sank ich an den Rand
63
Der staub'gen Gruft; da rieselte der Grand
64
Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau
65
Wie eine Leich' im Katakomben-Bau,
66
Und mir zu Füßen hört ich leises Knirren,
67
Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.
68
Es war der Todtenkäfer, der im Sarg
69
So eben eine frische Leiche barg;
70
Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt
71
Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.
72
Und anders ward mein Träumen nun gewandet,
73
Zu einer Mumie ward ich versandet,
74
Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,
75
Und auch der Scarabäus fehlte nicht.
76
Wie, Leichen über mir? — so eben gar
77
Rollt mir ein Bissusknäuel in den Schooß;
78
Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar —
79
Und plötzlich ließen mich die Träume los.
80
Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,
81
Am Himmel stand der rothe Sonnenball
82
Getrübt von Dunst, ein glüher Karniol,
83
Und Schafe weideten am Haidewall.
84
Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,
85
Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen,
86
Wie er bedächtig seinen Socken strickt.
87
Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.
88
„ave Maria“ hebt er an zu pfeifen,
89
So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen.
90
Er schaut so seelengleich die Heerde an,
91
Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.
92
Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle
93
Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle:
98
Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,
99
Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,
100
Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,
101
Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.
102
Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,
103
Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;
104
Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,
105
Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.
106
Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,
107
Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;
108
Er steckt' ihn an den Hut, und strickte fort,
109
Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.
110
Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf —
111
„bertuchs Naturgeschichte“; les't ihr das? —
112
Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:
113
Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß!
114
Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,
115
Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;
116
Wär's nicht zur Kurzweil, wär es schlecht gehandelt:
117
Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.
118
Ich reichte ihm die Schieferplatte: „schau,
119
Das war ein Thier.“ Da zwinkert er die Brau,
120
Und hat mir lange pfiffig nachgelacht —
121
Daß ich verrückt sey, hätt' er nicht gedacht! —