Der Hünenstein

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Annette von Droste-Hülshoff: Der Hünenstein (1844)

1
Zur Zeit der Scheide zwischen Nacht und Tag,
2
Als wie ein siecher Greis die Haide lag
3
Und ihr Gestöhn des Mooses Teppich regte,
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Krankhafte Funken im verwirrten Haar
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Elektrisch blitzten, und, ein dunkler Mahr,
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Sich über sie die Wolkenschichte legte;

7
Zu dieser Dämmerstunde war's, als ich
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Einsam hinaus mit meinen Sorgen schlich,
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Und wenig dachte, was es draußen treibe.
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Nachdenklich schritt ich, und bemerkte nicht
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Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht,
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Ich sah auch nicht, als stieg die Mondesscheibe.

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Grad war der Weg, ganz sonder Steg und Bruch;
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So träumt ich fort und, wie ein schlechtes Buch,
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Ein Pfennigs-Magazin uns auf der Reise
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Von Station zu Stationen plagt,
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Hab' zehnmal Weggeworf'nes ich benagt,
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Und fortgeleiert überdrüß'ge Weise.

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Entwürfe wurden aus Entwürfen reif,
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Doch, wie die Schlange packt den eignen Schweif,
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Fand ich mich immer auf derselben Stelle;
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Da plötzlich fuhr ein plumper Schröter jach
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An's Auge mir, ich schreckte auf und lag
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Am Grund, um mich des Haidekrautes Welle.

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Seltsames Lager, das ich mir erkor!
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Zur Rechten, Linken schwoll Gestein empor,
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Gewalt'ge Blöcke, rohe Porphirbrode;
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Mir überm Haupte reckte sich der Bau,
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Langhaar'ge Flechten rührten meine Brau,
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Und mir zu Füßen schwankt' die Ginsterlode.

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Ich wußte gleich, es war ein Hünengrab,
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Und fester drückt' ich meine Stirn hinab,
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Wollüstig saugend an des Grauens Süße,
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Bis es mit eis'gen Krallen mich gepackt,
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Bis wie ein Gletscher-Bronn des Blutes Takt
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Aufquoll und hämmert' unterm Mantelvließe.

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Die Decke über mir, gesunken, schief,
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An der so blaß gehärmt das Mondlicht schlief,
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Wie eine Wittwe an des Gatten Grabe;
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Vom Hirtenfeuer Kohlenscheite sahn
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So leichenbrandig durch den Thimian,
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Daß ich sie abwärts schnellte mit dem Stabe.

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Husch fuhr ein Kibitz schreiend aus dem Moos;
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Ich lachte auf; doch trug wie bügellos
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Mich Phantasie weit über Spalt und Barren.
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Dem Wind hab' ich gelauscht so scharf gespannt,
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Als bring er Kunde aus dem Geisterland,
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Und immer mußt ich an die Decke starren.

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Ha! welche Sehnen wälzten diesen Stein?
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Wer senkte diese wüsten Blöcke ein,

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Als durch das Haid die Todtenklage schallte?
52
Wer war die Drude, die im Abendstral
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Mit Run' und Spruch umwandelte das Thal,
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Indeß ihr gold'nes Haar im Winde wallte?

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Dort ist der Osten, dort, drei Schuh im Grund,
56
Dort steht die Urne und in ihrem Rund
57
Ein wildes Herz zerstäubt zu Aschenflocken;
58
Hier lagert sich der Traum vom Opferhain,
59
Und finster schütteln über diesen Stein
60
Die grimmen Götter ihre Wolkenlocken.

61
Wie, sprach ich Zauberformel? Dort am Damm —
62
Es steigt, es breitet sich wie Wellenkamm,
63
Ein Riesenleib, gewalt'ger, höher immer;
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Nun greift es aus mit langgedehntem Schritt —
65
Schau, wie es durch der Eiche Wipfel glitt,
66
Durch seine Glieder zittern Mondenschimmer.

67
Komm her, komm nieder — um ist deine Zeit!
68
Ich harre dein, im heil'gen Bad geweiht;
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Noch ist der Kirchenduft in meinem Kleide! —
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Da fährt es auf, da ballt es sich ergrimmt,
71
Und langsam, eine dunkle Wolke, schwimmt
72
Es über meinem Haupt entlang die Haide.

73
Ein Ruf, ein hüpfend Licht — es schwankt herbei —
74
Und — „Herr, es regnet“ — sagte mein Lakai,
75
Der ruhig über's Haupt den Schirm mir streckte.
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Noch einmal sah ich zum Gestein hinab:
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Ach Gott, es war doch nur ein rohes Grab,
78
Das armen ausgedorrten Staub bedeckte! —

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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