Die Lerche

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Annette von Droste-Hülshoff: Die Lerche (1844)

1
Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht?
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Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,
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Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken
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Ihr Haupt die Sonne; in das Aetherbecken
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Taucht sie die Stirn, man sieht es nicht genau,
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Ob Licht sie zünde, oder trink' im Blau.
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Glührothe Pfeile zucken auf und nieder,
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Und wecken Thaues Blitze, wenn im Flug
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Sie streifen durch der Haide braunen Zug.
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Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,
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Des Tages Herold seine Liverei;
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Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu,
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Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug';
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Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch,
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Und wirbelnd des Mandates erste Note
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Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.

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„auf! auf! die junge Fürstin ist erwacht!
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„schlaftrunkne Kämm'rer, habt des Amtes Acht;
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„du mit dem Saphirbecken Genziane,
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„zwergweide du mit deiner Seidenfahne,
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„das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,
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„die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!“

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Da regen tausend Wimpern sich zugleich,
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Masliebchen hält das klare Auge offen,
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Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich,
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Erschrocken, daß im Bade sie betroffen;
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Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage!
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Die kleine Weide pudert sich geschwind
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Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind,
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Daß zu der Hoheit Händen er es trage.
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Ehrfürchtig beut den thauigen Pokal
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Das Genzian, und nieder langt der Stral;
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Prinz von Geblüte hat die erste Stätte
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Er immer dienend an der Fürstin Bette.

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Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht,
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Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht
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Des Vorhangs Falten, und aufs neue singt
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Die Lerche, daß es durch den Aether klingt:

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„die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Thor!
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„frischauf ihr Musikanten in den Hallen,
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„laßt euer zartes Saitenspiel erschallen,
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„und, florbeflügelt Volk, heb' an den Chor,
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„die Fürstin kommt, die Fürstin steht am Thor!“

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Da krimmelt, wimmelt es im Haidgezweige,
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Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,
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Streicht an des Thaues Kolophonium,
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Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.
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Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt,
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Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,
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Daß heller der Triangel möge klingen;
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Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;
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Und, immer mehrend ihren werthen Gurt,
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Die reiche Katze um des Leibes Mitten,
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Ist als Bassist die Biene eingeschritten:
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Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln
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Das Contraviolon die trägen Hummeln.
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So tausendarmig ward noch nie gebaut
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Des Münsters Halle, wie im Haidekraut
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Gewölbe an Gewölben sich erschließen,
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Gleich Labyrinthen in einander schießen;
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So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,
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Wie's musizirt aus grünem Haid hervor.

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Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne,
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Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,
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Am Haupte flammt und quillt die Stralenkrone,
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Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß:

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„bergleute auf, herauf aus eurem Schacht,
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„bringt eure Schätze, und du Fabrikant,
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„breit' vor der Fürstin des Gewandes Pracht,
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„kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant.“

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Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schooß,
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Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen,
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Und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen
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Gewalt'ge Stufen, wie der Träger groß;
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Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer!
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Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden.
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Doch sieh die Spinne rutschend hin und her,
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Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden,
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Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;
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Viel edle Funken sind darin entglommen;
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Da kommt der Wind und häkelt es vom Haid,
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Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. —

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Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch,
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Die Lerche schwieg, und sank zum Ginsterstrauch.

(Droste-Hülshoff, Annette von: Gedichte. Stuttgart u. a., 1844.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Annette von Droste-Hülshoff
(17971848)

* 10.01.1797 in Burg Hülshoff, † 24.05.1848 in Burg Meersburg

weiblich, geb. von Droste-Hülshoff

natürliche Todesursache | Lungenentzündung

deutsche Schriftstellerin und Komponistin

(Aus: Wikidata.org)

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