1
Denn diese hadern unter mir,
2
Ich aber richte unter Dir.
3
Laß, wenn der Sachen Eigenschafft;
4
Und ihre Fälle zweifelhafft,
5
Mich mehr geneigt seyn, loßzuzählen,
6
Als strenge Straffen zu erwählen.
7
Es sey mein Ansehn nie durch schelten, schnarchen, pochen,
8
Und närrschen Amts-Trutz unterbrochen!
9
Gieb, daß mit aufgeklärt- und heiterem Gesichte,
10
Ich nicht als ein Tyrann, nein, als ein Vater richte!
11
Und daß ich voller Lieb’ und Sanff tmuth jedem zeige
12
Daß ich ihm Gutes gönn’ und doch das Recht nicht beuge!
13
Gieb, daß die Sanfftmuth auch so weit sich nicht er-
15
Daß ein Gewaltiger mich schrecke,
16
Und mich, auch in dem kleinsten Dinge,
17
Den Niedrigen zu unterdrücken zwinge!
18
Gieb, daß ich dergestalt gelassen,
19
Bemüht sey, so das Urtheil abzufassen,
20
Daß niemand Ursach haben möge,
21
Wenn Leidenschafften mich verführen,
22
Von mir an mich zu appelliren.
23
Laß mich mit Niederträchtigkeit
24
Mein wichtig Amt niemahls beflecken,
25
Doch aber auch zu keiner Zeit
26
Mich höher, als mein Amt geht, strecken!
27
Gieb, daß im Strudel-reichen Meer,
28
Der offt nur gar zu sehr gedehneten Gesetze,
29
Mit Vorbedacht nicht nur, auch nicht von ungefehr,
30
Ich andre nicht, auch nicht mich selbst verletze!
31
Ach laß mich nicht der mancherley Beschwerden,
32
Noch der Gerichts-Zeit, müde werden!
33
Gieb, daß absonderlich in diesen zweyen Jahren,
34
Ich sonsten nichts zum Lohn zu haben sey beflissen,
35
Von meinem redlichen Verfahren,
36
Als bloß allein ein gut Gewissen.
37
Gieb, daß ich, Dir allein zum Preise,
38
Der Du, aus vielen, mich zu diesem Stand erhoben,
39
Mich immer dergestalt erweise;
40
Daß Dich auch meine Thaten loben!
41
Sollt’ ich denn etwan nicht des Amtes End’ erleben,
42
So wollest du mir, HERR, ein selig’s Ende geben!
43
Wird es mir aber, HERR, durch deine Huld gelingen;
44
Werd’ ich die Zeit gesund und glücklich überbringen;
45
So gieb, daß ich nicht möge nur allein
46
Darüber hertzlich mich erfreuen,
47
Und Dir in Ehrfurcht danckbar seyn;
48
Ach laß mein Saiten Spiel sodann, wie vor, erklingen!
49
Ach laß mich voller Brunst, sodann von neuen,
50
In Deinen herrlichen Geschöpffen, Dich besingen!