ArIA

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Barthold Heinrich Brockes: ArIA (1730)

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Ey sehet! seht doch dort üm GOTTES Willen
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Die güldne Gluht, den rosenfarbnen Glantz,
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Die dort des Waldes Nacht und grüne Schatten, gantz
4
Mit einer himmlischen nicht irdschen Schönheit füllen!
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Hat wol ein Menschlich Aug’ ein holders Licht erblickt,
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Was schöners je gesehn? es dringt mir in die Seele
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Dies helle Freuden-Feu’r: sie wird fast als entzückt
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Und fühlet, wie mit ihr ein etwas sich vermähle,
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Das überirdisch ist. Sie senckt in diesen Schein,
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Dem Urquell dieses Lichts, dem grossen All zu Ehren,
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Sich, als ein Opffer, selbst hinein.
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Ach mögte diese reine Gluht,
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Das, was an ihr nicht gut,
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Verbrennen und verzehren,
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Damit, wenn das, so bös’ an ihr, verginge;
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Sie Dir, o Schöpfer aller Dinge,
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Mögt ein gefälligs Opfer seyn!

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Seeligs All! selbstständ'ge Wonne,
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Heller Abgrund ew’ger Lust!
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Aller Sonnen Licht und Sonne,
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Füll’, erleuchte meine Brust!
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Laß mich Deine Wunder mercken,
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Mache mir in deinen Wercken
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Deine Lieb’ und Macht bewust!

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Wenn Moses einen Busch, der brannt’ und nicht verbrannte,
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In heilger Ehrfurcht sah; so stellt sich mir
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Die Gluht, so diesen Busch erfüll’t,
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Recht als ein Bild
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Von jenem Wunder für.
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Mich deucht, ich könn’ hier, in des Himmels-Gluht,
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Das Licht, so alles schafft und ewig Wunder thut,
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Durch welches alles schön, was schön,
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Den Schöpfer im Geschöpfe sehn.
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Ach laß mich denn, o HERR, von Deinem Ruhm
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nicht schweigen,
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Laß mich dieß Sonnen-Licht auch andern würdig zeigen!

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Lässt man allhier die Sonne, die so schön,
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Die GOTTES Werck, des Abends nicht
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vergebens,
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Nicht unbewundert untergehn;
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So werden wir am Abend unsers Lebens
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Der Sonnen Sonne, GOTT, in ew’gem Mor-
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gen, sehn.

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Der augenehme Wald,
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So sonst ein dunckler Aufenthalt,
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Der Lichtscheu-grün- und falben Schatten,
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Ist jetzo gantz
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Mit einer hellen Gluht, mit einem güldnen Glantz
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Verwunderlich erfüllt. Es scheinen sich zu gatten
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Der Glantz von Gold, Schmaragd und von Rubin.
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Man glaubt ein grünes Feur, wodurch die Lüffte glüh’n,
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Bald einen güldnen Wald zu sehen.
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Aus Hölen, welche grün und klein,
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Dringt, schimmert, funckelt, strahlt und bricht,
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Von einem Glantz, der groß und allgemein,
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Bald hier bald dort ein klein-getheilter Schein,
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Ein kleines blitzend Licht,
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Fast einer kleinen Sonne gleich,
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Aus deren klein-doch hellen Ründe,
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Als einem Mittel-Punct, viel tausend Strahlen schiessen,
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Denn uns die Dunckelheit des Baumes deutlich zeiget,
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Wie ihre bunte Meng von innen auswerts steiget,
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Und wie ein Meer von Licht sich rings in Creiß ergiesset.
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Ein über Wunder schöner Crantz,
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Von Millionen bunten Spitzen,
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Die all’, in stetiger Bewegung, feurig blitzen,
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Umgiebt auf einer jeden Stelle,
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Des kleinen Lichtes helle Quelle,
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Die das Gesicht, durchs dunckel-grün gestärckt,
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Auf ihrem duncklen Grund bemerckt.

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Indem ich hier bewundernd stehe,
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Und fast erstaunt, für süsser Freude,
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An dieser Schauspiels-Lust mein Auge weide,
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Und durch den grünen Busch viel Sonnen-Bilder sehe;
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Fällt, bey dem mannigfach-getheilten Schein,
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Die ungezählte Meng’ und Zahl der Sterne,
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In jener dunckel-blauen Ferne
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Des tieffen Firmaments, mir ein:
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Und auch zugleich dabey, was ich einmahl
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Von einem allgemeinen Strahl
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Der Lebens-Gluht, die GOTTES heil’gen Thron
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Vermuhtlich deckt, umgiebet und erfüllet,
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Und deren gantze Macht und Klarheit, Glantz und Brennen,
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Weil sie die Creatur nicht hätt’ ertragen können,
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Er durch das Firmament verdecket und verhüllet,
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Und nur an unterschiednen Orten,
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Als des gemilderten und sanfften Lichtes Pforten,
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Sie den Geschöpffen mitzutheilen,
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Schon eins gedacht, besungen und geschrieben,
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Und zwar mit diesen Worten:

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In der Sonnen hellen Schein
92
Senckt sich meine Seel hinein,

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Da sie denn in stiller Freuden,
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Von dem Vorurtheil der Welt,
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Allgemählig sucht zu scheiden,
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Und nicht für unmöglich hält,
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Daß die wunderbare Stelle,
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Dieser Lichts- und Lebens-Quelle,
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Und desselben Wunder-Schein
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Schon was Göttlichs könne seyn;

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Spräche man hiewieder: nimmer!
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Dieß ist fälschlich offenbar.
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Denn, wie herrlich gleich ihr Schimmer,
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Wie belebend, hell und klar;
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Hat dennoch derselben Gläntzen
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Endlich Masse, Ziel und Grentzen,
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Da wir (wie du must gestehn)
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Jhres Cörpers Grentzen sehn;

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So erlaub’t mir diese Worte:
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Es ist wahr, der Sonnen Reich
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Strahl’t nur bloß an einem Orte,
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Scheint nur einer Kugel gleich:
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Doch wie, wenn es nur so schiene,
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Wenn des Firmamentes Bühne
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Etwan auf der Stelle mehr
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Als wo sonsten offen wär?

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Können wir den Sinnen trauen,
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Die nicht unbetrieglich seyn?
119
Können wir mit Recht wol bauen
120
Auf den blossen Augen-Schein,
121
Der uns fälschlich hintergehet?
122
Deucht uns nicht, die Erde stehet?
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Da doch bloß der Sonnen Gluht,
124
Und die Erde nimmer, ruht.

125
Recht, wie wenn ein helles Zimmer,
126
Welches man mit Boy bedeckt,
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Alsbald einen schnellen Schimmer,
128
Durch die klein’ste Oeffnung streckt,
129
Und man glaubte, diese Stelle
130
Sey allein des Lichtes Qvelle,
131
Jrr’te man sich dennoch sehr,
132
Weil’s die Gluht des Zimmers wär.

133
Könnte hinter diesen Decken,
134
Die kein Augen-Strahl durchbricht,
135
Nicht ein Meer von Strahlen stecken,
136
Ein unendlich Reich von Licht,
137
Das in stillen Heiterkeiten
138
Ewiger Vollkommenheiten
139
Unergründlich, unbegräntzt,
140
Ewig, unverändert gläntzt?

141
Denn weil ird’scher Cörper Augen
142
Solchen Sitz der Gottheit gantz
143
Nimmer zu ertragen taugen;
144
Hat vielleicht GOTT Seinen Glantz
145
In das dichte Kleid der Festen,
146
Bloß zu der Geschöpfe besten,
147
In gelind- und sanfterm Grad
148
Eingehüllt aus lauter Gnad’?

149
Also daß man an dem Orte,
150
Wo der Glantz der Sonne glüh’t,
151
Gleichsam, als durch eine Pforte,
152
Einen Punct des Licht’s nur sieht,
153
Das unendlich, unzertrennlich,
154
Undurchdringlich, unverbrennlich
155
Um den Thron des Schöpfers flammt,
156
Woraus alles alles stamm’t.

157
Weil aber dazumahl ein Zweifel übrig blieben,
158
Woraus des Vorhangs Gleichniß mich
159
Nicht gantz zu ziehn vermocht, indem ein Unterscheid
160
Der Weite vieler Sterne sich
161
Durch selbes nicht erklären ließ;
162
So freut’ ich mich, daß dies Gebüsche hier
163
Auch dieses Zweifels Ausgang wieß:
164
Indem von einem Baum die grüne Tieffe mir
165
Ein Bild der unterschiednen Dicke,
166
Vom blauen Firmament recht deutlich zeigete.
167
Vermuhtlich ist die Dichtigkeit der Feste,
168
Die GOTT zu unserm Heil zusammen presste,
169
Von unterschiedner Dick’ und unterschiedner Höh’.
170
Es wird in meiner Seelen helle,
171
Wenn ich mir hinter dieser Decke
172
Ein Meer von Licht vor Augen stelle,
173
Das gantz unendlich, unzertrennlich,
174
Das undurchdringlich, unverbrennlich,
175
Um GOttes heil’gen Thron, in solcher Klarheit flammet,
176
Das durch so reiner Strahlen Schein,
177
Der aus des Schöpffers Einfluß quillet,
178
Und aller Himmel Himmel füllet,
179
So gar die Geister sichtbar seyn.
180
Ein solch unendlich Strahlen-Heer,
181
Solch unergründlich Flammen-Meer,
182
Voll Freude, Fruchtbarkeit und Leben,
183
Womit des Höchsten Thron umgeben,
184
Formirt im Innern meiner Seelen,
185
So gantz dadurch erheitert und erfüllt,
186
Das allerwürdigste und grösste Bild,
187
Von GOTTES heiliger und grosser Majestät,
188
Die aller Creatur Begriff weit übergeht.
189
Denn in des Lichtes Krafft, Glantz, Wirckung und Figur,
190
Scheint die so geist- als leibliche Natur,
191
Wenn wir dieselbige erwegen und ergründen,
192
Erhaltung, Labsal, Lust, ja Leben selbst zu finden.
193
Es ist auf Erden nichts,
194
Was edler, herrlicher und köstlicher zu schätzen,
195
Woran ein Mensch sich kan ergötzen,
196
Als an die Herrlichkeit des Lichts.
197
Ob man vielleicht auch etwan dencken könnte,
198
Als wär es dennoch nicht gewiß,
199
Daß um des Schöpffers Thron ein solches Feuer brennte:
200
So übertrifft das Licht jedoch die Finsterniß.
201
Die Heil’ge Schrifft bezeugt selbst offenbar,
202
Daß unsre Meinung war,
203
Und zeiget ihren Beyfall an,
204
Wenn sie mit klaren Worten spricht:
205
Es wohnet GOTT in einem Licht,
206
Zu welchem niemand kommen kann.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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