Mannichfaltige Frühlings- Freude

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Barthold Heinrich Brockes: Mannichfaltige Frühlings- Freude (1730)

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Liebster GOTT! wie bunt, wie schön,
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Wie so lieblich, klar und helle
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Ist anjetzo jede Stelle
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Auf dem Welt-Kreiß anzusehn!
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Wie so heiter, licht und rein
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Ist des güldnen Morgens Schein,
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Der das Firmament erfüllet!
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Wie so eben, glatt und flach
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Ist der Binsen-reiche Bach,
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Welcher dort in Bluhmen quillet,
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Recht als ein polierter Spiegel!
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Seht, wie funckeln dort die Hügel!
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Schaut, die Segens-reiche Felder,
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Wie sie dort das Laub der Wälder
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Als mit einem Krantz bekräntzen!
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Seht, wie dorten Kraut und Gras
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Vom gefallnen Nacht-Thau naß,
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Recht als Edelsteine gläntzen!
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Durch der Bluhmen bunte Pracht,
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Wann auf sie die Sonne strahlet,
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Und so tausend-färbig mahlet,
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Werd ich gleichsam angelacht.
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Doch vor allen andern schien,
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Recht mit Farben von Rubin,
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Das geschmückte Heer der Rosen
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Aug’ und Nase liebzukosen.
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In der aufgeklärten Lufft
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Schwebt ein angewürtzter Dufft,
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Den wir mit den schärfsten Augen,
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Nicht zu sehn, nicht zu entdecken,
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Doch zu riechen und zu schmecken,
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Und ihn so zu mercken taugen:
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Tausend, Tausend, Tausend Arten,
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Aus dem Feld und aus dem Garten,
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Die, aus Bluhmen, Kräutern, Büschen,
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Wunderbarlich sich vermischen,
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Suchen ein draufmerckend Hertz,
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Zu erquicken, zu erfrischen.
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Auch die stärckste Specerey
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Kann so holde Lieblichkeiten
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Dem Gehirn nicht zubereiten,
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Als das frisch-gemachte Heu.
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Wenn desselben Süssigkeit,
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Mit dem Dufft bethauter Bluhmen,
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In der Lufft zusammen fliesset,
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Und man dies Gemisch geniesset;
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Ist der Balsam aus Jdumen
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Nicht so lieblich, nicht so schön.
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Mögt uns solche Eigenschafft,
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Und die angenehme Krafft,
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GoTT zum Ruhm, zu Hertzen gehn!
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Mögten wir uns doch ergetzen
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An den unsichtbaren Schätzen,
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Die der Lüffte weiten Kreiß
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Mit so raren Kräfften füllen!
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Mögte doch aus unsrer Brust
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Auch ein Balsam reiner Lust,
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Unserm GOTT zu Ehren, quillen!
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Mögte doch durch so viel Güte,
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Durch so mancher Schönheit Schein,
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Unser aufgeweckt Gemüthe,
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GoTT zu Ehren, frölich seyn!
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Fach’te doch des Schöpfers Liebe,
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Die man sehn und fühlen kann,
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Holder Gegen-Liebe Triebe
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In der Menschen Seelen an!
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Ach! bewundert in der Pracht
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Solcher schönen Creaturen,
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Die so offenbahre Spuhren
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Seiner Weisheit, Seiner Macht!
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Wenn nur einmahl solche Lust,
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Die aus GOTTES Wercken quillet,
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Eine Danck-begierge Brust,
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Jhrer Quell zum Ruhm, erfüllet;
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Wird, aus solchem edlen Saamen,
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Bald der Sehnsucht Frucht entstehn,
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Nicht nur Seinen grossen Nahmen,
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Nach Vermögen, zu erhöhn;
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Sondern man wird angetrieben,
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Und von Andacht brünstig werden,
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Ueber alles was auf Erden,
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GoTT aufs zärtlichste zu lieben.
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Sollte die Beschaffenheit
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Einer solchen Zärtlichkeit,
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Von Vertrauen angeflammet,
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Die aus GOTTES Wundern stammet,
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Und nur GOTT zum Endzweck hat,
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Unsern GOTT für andern allen
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Nicht gefallen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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