18. Bettlerlied

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Johann Gottfried Herder: 18. Bettlerlied (1773)

1
Der lustge Paul über Feld allhier
2
Kam manchen Tag und Abend zu mir,
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Sprach: gute Frau, gebt doch Quartier
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Einem armen Bettelmann!
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Die Nacht war kalt, der Mann war naß;
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Zu uns er nieder ans Feuer saß,
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Meiner Tochter Schulter er freundlich maß
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War lustig, erzählt' und sang.

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Und o sprach er: »wär ich noch so frei,
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Als einst ich kam der Gegend bei,
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Wie lustig und frölich wollt ich seyn,
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Mich nicht bedenken lang!«
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Und er that lieb und sie that schön;
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Doch wenig konnt Mama verstehn,
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Was mit einander die Zwei begehn,
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Und thäten so eng und drang?

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»und o, sprach er, wärst schwarz und wüst,
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Wie dort der Hut dein's Pappa's ist,
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Ich nähm' dich auf 'n Rücken, wie du bist,
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Und ging' mit dir davon!«
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»und o sprach sie, wär ich weiß und schön,
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Wie Schnee, gefallen von Himmelshöhn,
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Eine Edelfrau, in Kleidern schön;
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Ich ginge mit dir davon.«

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Und so die Zwei kamen überein
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Sie stunden auf, eh der Hahn thät schrein;
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Sie schlossen die Thür, so sacht und fein,
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Und gingen Feld hinan.
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Frühmorgen das alte Weib stand auf
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Zog an sich lang und trappelt drauf
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Zu Dienstvolks Betten und tappt hinauf,
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Tappt nach dem Bettelmann.

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Und als sie kam vors Bettlers Bett,
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Die Streu war kalt, der Bettler weg,
35
»o weh, wenn der bestohlen uns hätt!«
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Und rang die Händ' und schrie.
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Zu Kisten und Kasten ein jedes rannt;
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Doch alles stand in gutem Stand.
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»jughei!« sie tanzt auf eigne Hand:
40
»ein'n Schelm herberg' ich nie.«

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Und als nun nichts gemangelt hätt,
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Und alles stand an Ort und Stät':
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»lauft, sprach sie, zu meiner Tochter Bett;
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Laßt flugs sie kommen heran!«
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Die Magd, sie lief zu der Jungfer Bett;
46
Das Bett war kalt, die Jungfer weg:
47
»o weh, wenn der gestohlen sie hätt'!
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Ist fort mit dem Bettelmann.«

49
»o Pfui denn reitet, o Pfui denn rennt!
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Und greift sie, was ihr greifen könnt,
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Und ihn hängt auf, und sie verbrennt! –
52
Der Schelm vom Bettelmann!«
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Sie ritten zu Pferd, sie rannten zu Fuß
54
Das Weib war aus sich vor Verdruß
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Konnt regen weder Hand noch Fuß
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Und flucht' ihm Fluch und Bann.

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Als mittlerweil' über Feld alldar,
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Die Zwei, sie sassen lieblich gar
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Im Thal, wo keiner sie ward gewahr,
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Und schnitten ein'n Käs' sich an
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Der Käs' er schmeckt, er schmeckt ihn'n beid
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Sie nimmer zu lassen, thät er ihr Eid:
63
»dich je zu lassen wär Herzeleid
64
Mein lieber Bettelmann.«

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O wüst' meine Mutter, ich wär mit dir
66
Wie hustet' sie und fluchte dir:
67
»nun geb ich nimmer auch mehr Quartier
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Einem Schelm von Bettelmann.«
69
»mein Lieb, sprach er, bist aber jung
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Und kannst nicht reden die Bettlerzung
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Ist mir zu folgen dir gut genung?
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Einen armen Bettelmann.«

73
Mit Spinnen und Weben schaff ' ich Brod
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Mit Spinnen und Weben hats nimmer Noth
75
Durchs liebe Leben, bis in den Tod
76
Meinen Bettler führ' ich. O!
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Und zieh den Fuß und knick mein Knie
78
Und bind ein Tuch übers Auge hie
79
Da sprechen sie: ach! die Arme – die
80
Und wir leben fröhlich – O!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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