13. Hochzeitgesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: 13. Hochzeitgesang (1773)

1
ChOR DER JÜNGLINGE:
2
Auf! der Abend ist da! ihr Jünglinge auf! am Olympus
3
Hebt der langersehnete Stern sein funkelndes Haupt schon.
4
Laßt das triefende Mahl! es ist Zeit! es ist Zeit! denn im Nu wird
5
Kommen die Braut und soll der Hymenäus ertönen.
6
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

7
MäDCHEN:
8
Jungfraun, schauet ihr nicht die Jünglinge? Ihnen entgegen,
9
Auf! der Bote der Nacht, er schwingt die himmlische Fackel.
10
Wahrlich! sehet ihr nicht, wie sie sich zum Kampf schon rüsten:
11
Nicht vergeblich rüsten! der Sieg im Gesange wird ihr seyn.
12
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

13
JüNGLINGE:
14
Brüder, es ist uns nicht so leicht die Palme verliehen!
15
Seht, wie die Jungfraun dort nachsinnend suchen Gesänge,
16
Nicht vergebens sinnen sie nach; sie suchen das Schönste,
17
Wohl das Schönste, da sie mit ganzer Seele sich mühen;
18
Und wir schweifen umher, das Ohr, die Seele getheilet.
19
Billig siegen sie denn: denn Sieg will Mühe! Wohlauf noch
20
Itzt ihr Brüder, o ruft zum Gesang' die Seele zusammen.
21
Sie beginnen im Nu; im Nu soll Antwort ertönen.
22
Hymen o Hymenäus! Hymen, komm Hymenäus.

23
MäDCHEN:
24
Hesperus, blickt am Himmel wohl Ein grausamer Gestirn, als
25
Du, der Mutterarmen vermag die blühende Tochter
26
Zu entreissen, sie loszureissen dem Arm, der sie festhält
27
Und dem brennenden Jüngling' ein keusches Mädchen zu geben.
28
Feind' in eroberter Stadt, was können sie härter beginnen?
29
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

30
JüNGLINGE:
31
Hesperus, ist am Himmel wohl ein holdseliger Stern, als
32
Du, deß Flamme den Bund der treuen Liebe nun festknüpft,
33
Knüpft das Band, das Männer, das Eltern geschlungen und eh nicht
34
Zuziehn konnten, bis dein segnendes Auge darauf blickt.
35
Können Götter uns mehr verleihn als die glückliche Stunde?
36
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

37
MäDCHEN:
38
Hesperus, ach ihr Schwestern, er hat uns Eine Gespielin
39
Weggeraubet, der Räuber, dem jede Wache vergebens
40
Lauret, der die Diebe verbirgt und wenn er mit anderm
41
Namen

42
JüNGLINGE:
43
Hesperus, höre sie nicht: sie singen gedichtete Klagen
44
Was sie schelten, es ist, was still ihr Herz sich ersehnet.
45
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

46
MäDCHEN:
47
Wie die Blum' im umzäunten Garten verschwiegen heranblüht,
48
Nicht vom weidenden Zahn, von keinem Pfluge verwundet,
49
Auferzogen von Regen und Sonne, von schmeichelnden Lüftchen
50
Sanft gewebet; es wünschen sie Knaben, es wünschen sie Mädchen.
51
Aber kaum ist sie geknickt vom zartesten Finger,
52
Ach, denn wünschen sie Knaben nicht mehr, nicht wünschen sie Mädchen.
53
So die Jungfrau: Blühet sie noch, die Liebe der Ihren
54
Unberühret; so bald sie sinkt die zärtliche Blume,
55
Ach, denn lieben sie Knaben nicht mehr, nicht lieben sie Mädchen.

56
JüNGLINGE:
57
Wie im nackten Felde die Rebe sinket zu Boden,
58
Hebt sich nimmer, erzieht nicht Eine fröliche Traube,
59
Bis sich Wipfel und Wurzel im dunkeln Staube verschlingen;
60
Nicht der Landmann achtet der Armen, der weidende Stier nicht.
61
Aber windet sie sich empor dem gattenden Ulmbaum,
62
Achtet hoch sie der Landmann, hoch der weidende Stier auch.
63
So die Jungfrau; altet sie öd' im Hause der Ihren –
64
Aber hat sie das Band der reifen Ehe vermählet,
65
Achtet hoch sie der Mann, es achten hoch sie die Eltern.

66
Jungfrau, sträube dich nicht. Mit solchem Manne zu streiten
67
Ist nicht billig, ihm gab dich der Vater, ihm gab mit dem Vater
68
Dich die liebende Mutter, und du must beiden gehorchen.
69
Deiner Jugend Blume, du denkst, sie ist dein, sie ist nicht dein
70
Ganz; ist deines Vaters, ist deiner Mutter; der dritte
71
Theil gehöret dir nur, und du willt zweien entgegen
72
Streiten? sie geben dich mit der Morgengabe dem Eidam.
73
Hymen o Hymenäus! Hymen komm Hymenäus.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.