11. Schlachtlied

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Johann Gottfried Herder: 11. Schlachtlied (1773)

1
» Wohlan, geht tapfer an, ihr meine Kriegsgenossen,
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Schlagt ritterlich darein; eur Leben unverdrossen
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Aufsetzt fürs Vaterland, von dem ihr solches auch
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Zuvor empfangen habt, das ist der Tugend Brauch.

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Eur Herz und Augen laßt mit Eiferflammen brennen!
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Keiner vom andern sich menschlich' Gewalt laß trennen!
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Keiner den andern durch Kleinmuth und Furcht erschreck'!
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Noch durch sein' Flucht im Heer ein' Unordnung erweck'.

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Kann er nicht fechten mehr, er doch mit seiner Stimme,
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Kann er nicht rufen mehr, mit seiner Augen Grimme!
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Den Feinden Abbruch thu mit seinem Heldenmuth
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Nur wünschend, daß er theur verkaufen mög sein Blut.

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Ein jeder sey bedacht, wie er das Lob erwerbe
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Daß er in mannlicher Postur und Stellung sterbe,
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An seinem Ort besteh, fest mit den Füssen sein,
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Und beiß' die Zähn zusamm und beide Lippen ein.

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Daß seine Wunden sich lobwürdig all befinden
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Davornen auf der Brust und keine nicht dahinten
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Daß ihn der Tod auch noch in seinem Tode zier'
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Und man ihm im Gesicht noch Ernst und Leben spür.«

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So muß, wer Tyranney-geübriget will leben,
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Er seines Lebens sich freywillig vor begeben.
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Wer nur des Todts begehrt, wer nur frisch geht dahin,
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Der hat den Sieg und dann das Leben zu Gewinn.

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Frisch auf, ihr tapfere Soldaten,
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Ihr, die ihr noch mit deutschem Blut,
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Ihr, die ihr noch mit frischem Muth
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Belebet, suchet grosse Thaten!
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Ihr Landesleut, Ihr Landsknecht, auf!
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Das Land, die Freyheit sich verlieret,
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Wo ihr nicht muthig schlaget drauf,
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Und überwindend triumphiret.

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Der ist ein Deutscher wohl gebohren,
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Der von Betrug und Falschheit frei,
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Hat weder Redlichkeit noch Treu,
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Noch Glauben und Freiheit verlohren.
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Der ist ein deutscher Ehrenwerth
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Der wacker, herzhaft, unverzaget
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Sich für die Freyheit mit dem Schwert
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In Tod und in Gefahren waget.

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Dann wann ihn schon die Feind verwunden,
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Und nehmen ihm das Leben hin,
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Ist Ehr und Ruhm doch sein Gewinn
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Und er ist gar nicht überwunden.
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Ein solcher Tod ist ihm nicht schwer,
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Weil sein Gewissen ihn versüsset
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Und er erwirbet Lob und Ehr,
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Indem er so sein Blut vergiesset.

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Sein Nam und Ruhm allzeit erklingen
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In allem Land, in jedem Mund.
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Sein Leben durch den Tod wird kund
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Weil die Nachkömmling' ihn besingen,
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Die edle Freiheit ist die Frucht,
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Die er dem Vaterland verlasset:
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Da der Herzlose durch die Flucht
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Wird ganz verachtet und gehasset.

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Also zu leben und zu sterben
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Gilt dem rechtschaffnen Deutschen gleich.
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Der Tod und Sieg sind schön und reich:
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Durch beide kann er Heil erwerben.
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Hingegen fliehen allen Dank
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Die Flüchtigen und der Verräther
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Und ihnen folget mit Gestank
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Der Ruf: »Verfluchte Uebelthäter!«

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Wohlan, wohlan ihr wehrte Deutschen,
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Mit Deutscher Faust, mit kühnem Muth,
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Zu dämpfen der Tyrannen Muth!
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Zerbrechet Joch und Band' und
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Peitschen Unüberwindlich rühmen sie
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Sich Titel, Thorheit und stolzieren;
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Allein ihr Heer mit schlechter Müh
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Mag, überwindlich, bald verlieren.

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Ha, fallet in sie! ihre Fahnen
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Zittern aus Furcht. Sie trennen sich!
75
Die böse Sach' hält nicht den Stich,
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Drum zu der Flucht sie sich schon mahnen.
77
Groß ist ihr Heer, klein ist ihr Glaub,
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Gut ist ihr Zeug, bös ihr Gewissen.
79
Frisch auf, sie zittern wie das Laub,
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Und wären gern schon ausgerissen.

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Ha, schlaget auf sie, liebe Brüder!
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Ist groß die Müh, so ist nicht schlecht
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Der Sieg, die Beut, und wohl und recht
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Zu thun, erfrischet alle Glieder.
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So straf, o deutsches Herz und Hand!
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Nun die Tyrannen, und die Bösen,
87
Die Freiheit und das Vaterland
88
Wirst du und mußt du so erlösen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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