4. Die Zauberkraft der Lieder

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Johann Gottfried Herder: 4. Die Zauberkraft der Lieder (1773)

1
Ich weiß, ich hing neun Nächte lang,
2
Geschenkt dem Odin (und ihn mir,)
3
Den Winden entgegen, durchstochen mit dem Schwert,
4
Am Baum, deß Wurzel niemand kennt.

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Da nährte mich nicht Brod noch Trank;
6
Mit Schmerzen fiel ich herab und fand
7
Die Runen: schmerzend fiel mein Leib
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Aufs neu herab.

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Neun grosse Lieder hab ich gelernt,
10
Von Bolthar, Freya's berühmtem Sohn,
11
Und trank den edlen Honigtrank
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Voll Sangeskunst.

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Da ward ich weise, da ward ich groß,
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Da ward ich glücklich, Wort gab Wort,
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Und That gab That.

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Auch du wirst Runen finden und Zeichen,
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Mächtige Zeichen, grosse Zeichen!
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Die der Alte der Götter erfand!
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Und die Götter machten und Odin grub.

20
Odin der Asen, der Alfen Dwalinn,
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Dain der Zwerge, Asvid der Riesen,
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Auch ich grub etliche ein.

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Weistu, wie sie einzugraben? weistu, wie sie aufzulösen?
24
Weistu, wie sie sind zu versuchen? weistu wie sie sind zu erfragen?
25
Weistu, wie sie wegzusenden? weistu, wie zurückzurufen?
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Denn besser nicht zu senden, als zurückzurufen zu oft.

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Lieder kann ich; es kann sie keiner,
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Nicht Königs Tochter, nicht Mannes Sohn.
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Eins heißt Hülfe; es wird dir helfen
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In Schmerz, in Trauer, in aller Noth.

31
Ich kann ein Zweites; sein bedörfen
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Die Menschensöhne zur Arzenei.

33
Ich kann ein Drittes, den Feind zu zwingen,
34
Wenn Noth mir ist:
35
Sein Schwert zu stumpfen und seine List,
36
Das[s] sie nichts vermag.

37
Ich kann ein Viertes: werfen die Männer
38
Bande mir an.
39
Ich singe das Lied und wandle frei;
40
Die Ketten brechen mir an den Füssen;
41
Die Fesseln fallen von den Händen mir.

42
Ich kann ein Fünftes: seh ich geschossen
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Mit Feindesmuthe den fliegenden Pfeil,
44
In seinem Fluge halt ich ihn auf
45
Durch meinen Blick.

46
Ich kann ein Sechstes: wenn mich verwundet
47
Ein Mann mit Zauber und reitzt mit Zorn;
48
Ich singe das Lied, daß ihn, nicht mich
49
Das Uebel trift.

50
Ich kann ein Siebendes: seh ich brennen
51
Ein Haus und die Flamme breitet sich umher.
52
Ich singe den Zauber und bändige sie.

53
Ich kann ein Achtes: das Noth ist Allen,
54
Wenn unter den Menschen Haß beginnt;
55
Ich sing' es und ersticke das Uebel schnell.

56
Ich kann ein Neuntes: wenn Noth mir ist,
57
Mein Schiff zu retten auf stürmiger See;
58
Ich stille den Wind und stille die See.

59
Ich kann ein Zehntes: wenn Zauberinnen
60
Die Luft durchreiten; ich blicke sie ab
61
Von ihrem Wege, von ihrer Bahn.

62
Ich kann ein Eilftes; führ' ich ins Treffen,
63
Alte Freunde, so bezaubr' ich die Waffen;
64
Da gehn sie mächtig und heil zur Schlacht,
65
Und heil hinaus und überall heil.

66
Ich kann ein Zwölftes, seh ich am Baume
67
Den Todten hangen; ich zeichne Runen;
68
So kommt der Mann und spricht mit mir.

69
Ich kann ein Andres: bespreng ich mit Wasser
70
Den zarten Knaben, so wird er von Waffen
71
Und Schwert nicht fallen in keiner Schlacht.

72
Ich kann ein Anders; der Völker Namen,
73
Der Asen und Alfen Unterschied
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Kann ich euch nennen, wenige könnens.

75
Ich kann ein Anders, das sang Thiodrey
76
Vor Dellings Pforte: Muth den Asen
77
Den Alfen Kraft, Weisheit den Odi[n].

78
Ich kann ein Anders, will ich geniessen
79
Des edelsten Mädchen Lieb und Gunst:
80
Ich sing es und wandle den Sinn des Mädchen
81
Von weissen Armen, und lenk' ihr Herz.

82
Ich kann ein Anders, das[s] mich das Mädchen
83
Nie verlasse; – Lotfafner du,
84
Weist du die Lieder? sie sind dir gut:
85
Nütz zu lernen, zu wissen noth.

86
Ich kann ein Anders, das lehr' ich keinem
87
Mädchen noch Weibe; nur Einer weiß es:
88
Das beste der Lieder; ich lehr' es etwa
89
Nur meiner Schwester und die mich in ihre
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Arme schließt.

91
Nun sind gesungen die hohen Sprüche
92
Im hohen Pallast:
93
Sie sind sehr noth den Menschensöhnen,
94
(und sind nicht noth den Menschensöhnen.)
95
Heil der sie sang! Heil der sie kann!
96
Wohl der sie lernt! heil, der sie hört! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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