28. Radoslaus

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Johann Gottfried Herder: 28. Radoslaus (1773)

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Kaum noch, daß am Himmel Morgenröthe
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Und der Morgenstern am Himmel glänzte,
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Sang im Schlaf zu König Radoslaus
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Eine Schwalbe, also sang sie zu ihm:

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Auf, o König, feindlich war dein Schicksal,
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Da du hier dich legetest und einschliefst,
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Und du schlummerst ruhig bis zum Morgen?
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Abgefallen sind von dir die Lika
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Und die Korbau und die Ebne Kotar,
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Von Cettinens Ufer bis ans Meer hin.

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Kaum vernommen hatte Radoslaus
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Diese Stimme, als er seinen Sohn rief:
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Auf, geliebter Sohn, und laß uns beide
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Schnell von allen Seiten Heere sammlen.
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Abgefallen sind von uns die Lika
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Und die Korbau und die Ebne Kotar
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Von Cettinens Ufer bis ans Meer hin.

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Kaum vernommen hatte Ciaslaus
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Seines Vaters Stimme und er eilet,
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Sammlet grosse Heere, junges Fußvolk,
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Und Dalmatiens Blitzschnelle Reuter.

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Edlen Rath gab ihm zuletzt sein Vater:
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»ciaslaus, nimm den Kern des Heeres
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Und zieh tapfer wider die Croaten.
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Ist der Himmel und das Glück dir günstig,
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Daß der Bannus Selimir erlieget;
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Brenne keine Städte, keine Flecken

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Und verkaufe nicht gefangne Sklaven. –
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Zähme du die Korbau und die Lika,
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Das Geburtsland deiner edlen Mutter;
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Ich will in die weite Ebne Kotar,
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Von Cettinens Ufer, bis ans Meer hin,
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Will sie bändigen. Doch nicht veröden.«

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Also gehn die Königlichen Krieger
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Auseinander, und die beiden Heere
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Ziehen frölich, singen um die Wette,
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Scherzen, trinken lustig auf den Pferden.

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Nicht gar lange und das Heer des Bannus
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Selimirs war, wie der Wind, zerstreuet;
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Aber ungedenk des Vaters Rede
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Brannte Ciaslaus Städte nieder,
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Plündert reiche Schlösser und ließ grausam
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Groß und Klein der Spitze seines Degens,
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Und verschenkte die gefangnen Sklaven
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An sein Kriegsheer.
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König Radoslaus
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Hatte bald und willig sich die Ebne
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Kotar unterworfen; doch o Unglück!
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Nun empört sich gegen ihn sein Kriegsheer,
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Daß er ihnen nicht, wie Ciaslaus,
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Auch erlaubt, zu plündern reiche Schlösser,
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Kirchen und Altäre, daß er ihnen
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Nicht erlaubt, zu schänden Kotars Töchter,
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Und die armen Sklaven zu verkaufen.

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Wütend nahmen sie ihm nun die Krone,
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Rufen Ciaslaus aus zum König.
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Und kaum ist er König, als er eilig
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Ließ vom Aufgang bis zum Niedergange
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Und vom Niedergang zum Aufgang rufen:
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»wer mir meinen Vater bringt gefangen,
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Oder seinen grauen Kopf mir bringet,
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Soll der zweite seyn in meinem Reiche.«

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Milutin, ein Sklave, kaum vernommen
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Diese Rede, nimmt zwölf Krieger zu sich,
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Suchet rings umher die Ebne Kotars
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König Radoslaus, ihn gefangen
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Oder seinen grauen Kopf zu bringen.

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Aber eine gute Felsengöttin
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So erhub sie von dem hohen Gipfel
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Bebi ihre Stimme: »Radoslaus!
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Uebles Schicksal hat dich hergeführet.
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Nahe sind zwölf Krieger, dich zu fangen,
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Milutin, der Sklave, ist ihr Führer.
74
Alter Vater, ach in übeln Schicksals
75
Stunde hast du deinen Sohn gezeuget,
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Der nach deinem grauen Haupte trachtet.«

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Unglückselig höret Radoslaus
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Seiner Freundin Stimme, fliehet schnell die
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Weite Ebne, nimmt den Weg zum Meer hin,
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Sich zu retten unter blauen Wellen.

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Und er stürzt sich in den Schoos der Wellen,
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Haschet endlich einen kalten Felsen,
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Klimmet auf, und Himmel! ohne Grausen
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Wer hätt' angehört des Alten Flüche,
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In dem Meere, auf dem kalten Felsen:

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»ciaslaus, Sohn, o du Geliebter!
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Den so lang' ich mir erbat vom Himmel;
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Und da dich der Himmel mir gegeben,
89
Suchst du grausam deines Vaters Leben.
90
O geh von mir, gehe ferne von mir!
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Du mein Sohn, mein einig einst Geliebter!

92
Geh, daß dich das tiefe Meer verschlinge,
93
Wie es mich im Nu hier wird verschlingen,
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Von dem kalten Felsen. Finster werde
95
Ueber dir die Sonne und der Himmel
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Oefne sich im Zorn mit Blitz und Donner,
97
Und die Erde speie aus im Zorne
98
Dein Gebein. Und nie soll Sohn und Enkel
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Nach dir bleiben, nie das Glück dir folgen,
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Ziehest du zum Kriege. Deine Gattin
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Müsse bald sich ein in Trauer kleiden,
102
Und dein Vater einsam nach dir bleiben.
103
Dein Dalmatien dir seinen rothen
104
Wein, sein weisses Korn dir nimmer geben,
105
Dem gottlosen Sohn, der seines alten
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Vaters Radoslaus Tod begehret.«

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Als er noch so klagt, der Jammervolle,
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Und mit Thränen wusch den kalten Felsen,
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Kam ein kleines Schiff mit ofnen Segeln,
110
In ihm edele Lateiner. Flehend
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Bittet und beschwöret sie der Alte,
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Bei dem Himmel und bei Mond und Sonne,
113
Ihn ins Schiff zu nehmen und zum Ufer
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Latiums zu führen. Die Lateiner
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Hatten edles Herz in ihrem Busen,
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Edles Herz und fürchteten den Himmel,
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Nahmen auf den König in ihr Fahrzeug,
118
Brachten ihn zu ihrem Lande. König
119
Radoslaus ging gen Rom und ward da
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Aufgenommen, hatte, neuvermählet
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Einen Sohn, der Petrimir sich nannte,
122
Und vermählt mit edlem Römerblute
123
Paulimir erzeugt, der Slaven König.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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