11. Das nußbraune Mädchen

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Johann Gottfried Herder: 11. Das nußbraune Mädchen (1773)

1
Falsch oder wahr, man sagt es klar:
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»wer traut auf Weibertreu,
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Der trügt sich sehr, der büßt es schwer
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Mit mancher späten Reu.«
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So spricht die Welt, doch, wenns gefällt,
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Hört ein Geschichtchen an;
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Vom Mädchen braun, die fest und traun!
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Liebt, wie man lieben kann.

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Es kam zu ihr, leis' an die Thür,
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Ihr Lieb zu Mitternacht,
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Thu, Mädchen, auf im schnellen Lauf,
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Eh jemand hier erwacht.
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Sie that ihm auf in schnellem Lauf:
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»ich muß, ich muß von hier,
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Zum Tod verdammt, vom Richteramt,
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Nehm Abschied ich von dir. –

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Ich muß gar bald in wilden Wald;
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Sonst ists um mich geschehn.«
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»o nein, o nein! es kann nicht seyn! –
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Auch ich will mit dir gehn.«
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»was ist der Zeit Glückseligkeit?
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Sie wandelt Lieb' in Noth.«
23
»o Lieber nein! es kann nicht seyn,
24
Uns scheidet nur der Tod.«

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»du kannst nicht mit! Hör' an, ich bitt',
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Hör an und laß es seyn.
27
Was ist der Wald für Aufenthalt
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Für dich, du Liebe mein!
29
In Frost und Schnee, in Durst und Weh,
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In Hunger, Furcht und Schmerz;
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Nein, Liebe, nein! es kann nicht seyn,
32
Bleib' hier und still dein Herz.«

33
»nein, Lieber, nein! geh nicht allein!
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Ich muß, ich muß mit dir!
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Entfliehest du, wo find' ich Ruh?
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Was bleibt für Leben mir?
37
In Frost und Schnee, in Durst und Weh,
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In Hunger, Furcht und Schmerz;
39
Nichts ficht mich an, gehst du voran
40
Und stillst mein armes Herz.«

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»ach, Liebe, nein! Ich muß allein,
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Bleib' hier und tröste dich;
43
Es stillt die Zeit ja alles Leid,
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Sie stillt dirs sicherlich.
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Was wird die Stadt, die Zungen hat,
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So scharf wie Spieß und Schwert;
47
Für bittre Schmach dir reden nach,
48
Wenn sie die Flucht erfährt?«

49
»nein, Lieber, nein! es kann nicht seyn,
50
Mich tröstet keine Zeit;
51
Ein jeder Tag, der kommen mag,
52
Macht neu mir Herzeleid.
53
Was geht die Stadt, die Zungen hat,
54
Was ihre Schmach mich an?
55
Komm, Liebster, bald zum grünen Wald,
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Wenn er uns sichern kann.«

57
»der grüne Wald ist wild und kalt,
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Und drohet mit Gefahr;
59
Wenn meine Hand den Bogen spannt,
60
So zitterst du fürwahr!
61
Erhascht man mich, so bindt man dich,
62
So leidest du mit mir;
63
So folgt auf Noth der bittre Tod,
64
Bleib hier, ich rathe dir.«

65
»nein, Lieber, nein! die Lieb' allein
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Macht sicher in Gefahr,
67
Sie giebt dem Weib' auch Mannesleib
68
Und Mannesherz fürwahr.
69
Wenn deine Hand den Bogen spannt,
70
Lausch' ich für dich und mich;
71
Und trotze Noth und trotze Tod,
72
Und sichre mich und dich.«

73
»der wilde Wald ist Aufenthalt
74
Für Räuber und fürs Thier;
75
Kein Dach und Fach als Himmelsdach,
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Als Laub zur Decke dir.
77
Dein' Hütt' und Raum ist Höl' und Baum,
78
Dein Bette kalter Schnee;
79
Dein kühler Wein muß Wasser seyn,
80
Dein Labsal Hungersweh.«

81
»der grüne Wald ist Aufenthalt
82
Der Freiheit mir und dir.
83
Folg' ich dir nach, was brauch ich Dach?
84
Was dir ziemt, ziemet mir.
85
Dein' harte Hand thut Widerstand,
86
Dem Räuber und dem Wild'
87
Schaft Speis' und Trank und Lebenslang
88
Die Quelle süß mir quillt.«

89
»o nein! o nein, es kann nicht seyn!
90
Die seidne Locke hie
91
Sie muß herab! es muß hinab
92
Dein Kleid dir bis zum Knie.
93
Kommst nimmer nicht vors Angesicht
94
Der Schwester, Mutter dein;
95
Ein Weib ist bald so warm als kalt;
96
Leb wohl, es kann nicht seyn.«

97
»leb, Mutter, wohl! ich muß und soll
98
Gehn mit dem Lieben mein!
99
Lebt Schwestern all' im Freudensaal,
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Ich geh nicht mehr hinein.
101
Sieh, wie das Licht des Morgens bricht!
102
Auf, Lieber, aus Gefahr!
103
Was kümmert Kleid und Weiberfreud,
104
Was kümmert mich mein Haar?«

105
»wohlan, so sey denn fest und treu,
106
Und hör' ein ander Wort.
107
Der grüne Wald ist Aufenthalt
108
Für meine Bule dort.
109
Die lieb' ich sehr und lieb sie mehr
110
Als dich, die alt mir ist,
111
Und wähle dort den Ruheort
112
Ohn allen Weiberzwist.«

113
»laß immer seyn die Bule dein
114
Im grünen Walde dort;
115
Ich will, wie dir, auch folgen ihr,
116
Will horchen ihrem Wort,
117
Und lieben dich und üben mich,
118
(auch wärens hundert noch)
119
In süsser Pflicht und fehlen nicht
120
Der Liebe treuem Joch.«

121
»o Liebste mein! kein Flitterschein,
122
Kein Wandel ist in dir!
123
Von allen je, die ich erseh,
124
Bist du die Treue mir.
125
Sey frei und froh, es ist nicht so,
126
Ich bin nicht fortgebannt,
127
Sey ohne Harm, ich bin nicht arm,
128
Ich bin ein Graf im Land.«

129
»sey was du bist, die mit dir ist,
130
Ist immer Königin!
131
Was wankt so oft und unverhoft,
132
Als falscher Männer Sinn?
133
Du wankest nie! und spät und früh
134
Will ich die Deine seyn;
135
Alt oder neu, bin ich dir treu,
136
Lieb' ewig dich allein.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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