29. Das Lied vom Bache

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Johann Gottfried Herder: 29. Das Lied vom Bache (1773)

1
Traurig ein Wandrer saß am Bach,
2
Sah den fliehenden Wellen nach,
3
Ein welker Kranz umwand sein Haupt.
4
»was blickst du, Wandrer, mattumlaubt,
5
So traurig nieder?«

6
Jüngling, den Bach der Zeit hinab
7
Schau ich, in das Wellengrab
8
Des Lebens; hier versank es, goß
9
Zwo kleine Wogen, da zerfloß
10
Die dritte Woge.

11
Jüngling, im grossen Zeiten Raum
12
Schweben wir also! der Saum
13
D[er] Menschenthaten, er zerrinnt
14
Auf glatter Fläche, leiser Wind
15
Hat ihn verwehet!

16
Jüngling, ein Menschenleben, schwach
17
Träufelts in der Zeiten Bach.
18
Sie rollt, sie wölbt sich prächtig um
19
Die erste Welle; sieh wie stumm
20
Die dritte schweiget.

21
Trübe zum Wandrer saß ich hin,
22
Sah die krausen Wellen fliehn,
23
Sah Tropfen sinken in den Bach,
24
Die Wogenkreise sanken nach,
25
Mir flossen Thränen.

26
Jüngling, o deine Ruhmesthrän'
27
Rinnet edel! Lieb und schön
28
Lacht Lebensblüth' am Morgen früh,
29
Und sieh, die frühen Kränze, die!
30
Wie sie verwelken!

31
Jüngling, ich war ums Vaterland
32
Edler Thor, wie du entbrannt.
33
Gerungen hab ich und gelebt,
34
Und was errungen, was erstrebt?
35
Die welken Blätter.

36
Jüngling, o sieh, da ziehet hin
37
Spreu im Strom. Prächtig ziehn
38
Die Schäume; die Kleinode sind
39
Versunken. Jenes Hügels Wind
40
Pfeift leere Lieder.

41
Traurig den Bach sah ich hinab,
42
Thränen träufelten ins Grab
43
Des Ruhmes! »Lieber Wandrer du,
44
Was giebt denn Glück, was giebt denn Ruh?«
45
Sank ihm zum Busen.

46
Jüngling, o sieh im Bache dich;
47
So sah ich mit Wonne mich
48
Im Freunde Seel- und Herz-vereint!
49
Ein Lüftchen schied uns, Bild und Freund
50
War fortgewehet!

51
Jüngling, o sieh im Bache dich,
52
So sah ich mit Wonne mich
53
In meiner Lieben. Süsser Wahn!
54
Das Leben rann, das Bild zerrann,
55
Und Glück und Liebe!

56
Jüngling, ich floh zu strenger Müh,
57
Oft, ach öfters täuschet sie;
58
Ich wacht' um manches edle Herz
59
Mit Brudertreu; – mit Bruderschmerz
60
Sah ichs versinken!

61
Trübe, verzweifelnd sah ich ab:
62
»grab des Ruhmes, Tugendgrab,
63
Des Lebens Grab, o wärest du
64
Auch meines! Läge stumme Ruh
65
In deinem Abgrund!«

66
Jüngling, o Thor, wo findest du
67
Je in Wuth der Seele, Ruh?
68
Wir müssen all' den Bach hinab.
69
Was mir, dem Jüngling, Mühe gab,
70
Gibt jezt mir Labung.

71
Dorten hinan, wo sichs ergießt,
72
Wo der Strom in Wolken fließt,
73
Da weint man nicht der Lebenszeit,
74
Zum Meer der Allvergessenheit
75
Rann nichts hinüber!

76
Trinke noch immer Wonne dir,
77
Jüngling, aus dem Strome hier;
78
Ich schöpfe meinen Labetrank,
79
Dem guten Gotte sag ich Dank,
80
Und wall' hinüber!

81
Also vom Bach der Greis erstand,
82
Um des Jünglings Schläfe wand
83
Er seinen Kranz. Der Kranz erblüht',
84
Und immer sprach des Baches Lied
85
Dem Jüngling Weisheit.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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