24. Klaggesang von der edlen Frauen des Asan-Aga

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Johann Gottfried Herder: 24. Klaggesang von der edlen Frauen des Asan-Aga (1773)

1
Was ist weisses dort am grünen Walde?
2
Ist es Schnee wohl, oder sind es Schwäne?
3
Wär es Schnee da, wäre weggeschmolzen,
4
Wären's Schwäne, wären weggeflogen.
5
Ist kein Schnee nicht, es sind keine Schwäne.
6
's ist der Glanz der Zelten Asan Aga;
7
Niederliegt er drein an seiner Wunde.

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Ihn besucht die Mutter und die Schwester,
9
Schamhaft säumt sein Weib zu ihm zu kommen.

10
Als nun seine Wunde linder wurde,
11
Ließ er seinem treuen Weibe sagen:
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»harre mein nicht mehr an meinem Hofe,
13
Nicht am Hofe, und nicht bei den Meinen!«

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Als die Frau dies harte Wort vernommen,
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Stand die treue starr und voller Schmerzen,
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Hört der Pferde Stampfen vor der Thüre,
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Und es deucht ihr, Asan käm', ihr Gatte,
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Springt zum Thurme, sich herab zu stürzen.
19
Aengstlich folgen ihr zwei liebe Töchter,
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Rufen nach ihr, weinend bittre Thränen:
21
»sind nicht unsers Vaters Asans Rosse!
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Ist dein Bruder Pintorowich kommen.«

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Und es kehrt zurück die Gattin Asans,
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Schlingt die Arme jammernd um den Bruder:
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»sieh die Schmach, o Bruder, deiner Schwester!
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Mich verstossen! Mutter dieser Fünfe!«

27
Schweigt der Bruder und zieht aus der Tasche,
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Eingehüllet in hochrothe Seide,
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Ausgefertiget den Brief der Scheidung,
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Daß sie kehre zu der Mutter Wohnung,
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Frei sich einem andern zu ergeben.

32
Als die Frau den Trauer-Scheidbrief sahe,
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Küßte sie der beyden Knaben Stirne,
34
Küßt die Wangen ihrer beiden Mädchen.
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Aber, ach! vom Säugling in der Wiege
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Kann sie sich im bittern Schmerz nicht reissen;
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Reißt sie los der ungestüme Bruder,
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Hebt sie auf das muntre Roß behende,
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Und so eilt er mit der bangen Frauen
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Grad nach seines Vaters hoher Wohnung.

41
Kurze Zeit war's, noch nicht sieben Tage,
42
Kurze Zeit gnug, von viel grossen Herren
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Liebe Frau in ihrer Wittwen Trauer,
44
Liebe Frau zum Weib begehret wurde.
45
Und der gröste war Imoskis Cadi.
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Und die Frau bat weinend ihren Bruder:
47
»ach, bei deinem Leben! bitt ich, Bruder:
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Gib mich keinem andern mehr zur Frauen,
49
Daß das Wiedersehen meiner lieben
50
Armen Kinder mir das Herz nicht breche.«

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Ihre Reden achtet nicht der Bruder,
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Fest Imoskis Cadi sie zu trauen.
53
Doch die Frau, sie bittet ihn unendlich:
54
»schicke wenigstens ein Blat, o Bruder,
55
Mit den Worten zu Imoskis Cadi:
56
Dich begrüßt die junge Wittib freundlich,
57
Und läst durch dies Blat dich höchlich bitten,
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Daß, wenn dich die Suaten her begleiten,
59
Du mir einen langen Schleier bringest,
60
Daß ich mich vor Asans Haus verhülle,
61
Meine lieben Waisen nicht zu sehen.«

62
Kaum ersah der Cadi dieses Schreiben,
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Als er seine Suaten alle sammelt,
64
Und zum Wege nach der Braut sich rüstet,
65
Mit de[n] Schleier, den sie heischte, tragend.

66
Glücklich kamen sie zur Fürstin Hause,
67
Glücklich sie mit ihr vom Hause wieder;
68
Aber als sie Asans Wohnung nahten,
69
Sahn die Kinder oben ab die Mutter,
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Riefen: »Komm zu deinen Kindern wieder,
71
Iß mit uns das Brod in deiner Halle!«
72
Traurig hört es die Gemahlin Asans,
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Kehrete sich zu der Suaten Fürsten:
74
»bruder, laß die Suaten und die Pferde
75
Halten wenig vor der lieben Thüre,
76
Daß ich meine Kleinen noch beschenke.«

77
Und sie hielten vor der lieben Thüre.
78
Und den armen Kindern gab sie Gaben,
79
Gab den Knaben goldgestickte Stiefel,
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Gab den Mädchen lange reiche Kleider,
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Und dem Säugling hülflos in der Wiegen
82
Gab sie für die Zukunft auch ein Röckchen.

83
Das beiseit sah Vater Asan Aga,
84
Rief gar traurig seinen lieben Kindern:
85
»kehrt zu mir, ihr lieben armen Kleinen,
86
Eurer Mutter Brust ist Eisen worden,
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Fest verschlossen, kann nicht Mitleid fühlen!«
88
Wie das hörte die Gemahlin Asans,
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Stürzt' sie bleich, den Boden schütternd, nieder,
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Und die Seel' entfloh dem bangen Busen,
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Als sie ihre Kinder vor sich fliehn sah.

92
Cedamus – vivant Arturius istic
93
et Catulus, maneant qui nigrum in candida vertunt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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