16. Lied eines wahnsinnigen Mädchen

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Johann Gottfried Herder: 16. Lied eines wahnsinnigen Mädchen (1773)

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Frühmorgens, als ich gestern
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Im Felde ging entlang,
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Da hört' ich, wie im Thurme
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Ein Mädchen lieblich sang;
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Die Ketten rasselnd an der Hand,
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Und sang so fröhliglich:
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Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weis,
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Mein Liebchen liebet mich.

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O harter, harter Vater,
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Der riß ihn ab von mir!
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Grausam, grausamer Schiffer,
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Der fort ihn nahm von hier!
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Seitdem bin ich so stille nun,
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So still aus Lieb' um dich,
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Und lieb' mein Liebchen, denn ich weis,
16
Mein Liebchen liebet mich.

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O wär' ich eine Schwalbe,
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Wie schlüpft' ich zu ihm heim!
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Oder wär' ich eine Nachtigall,
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Ich säng' in Schlaf ihn ein.
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Könnt ich ihn an, nur an ihn sehn,
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Vergnügt und froh wär ich!
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Ich lieb mein Liebchen, denn ich weis,
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Mein Liebchen liebet mich.

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Kann ich, als ich am Ufer stand,
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Den Tag vergessen je?
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Und sah ihn nun zum leztenmal,
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Den nie ich wieder seh.
29
Er kehrt' auf mich sein Auge noch,
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Ach, wie sprach das in mich! –
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Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weis,
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Mein Liebchen liebet mich.

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Ich flecht' dir dieses Kränzchen,
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Mein Lieb', und flecht es fein,
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Von Lilien und von Rosen,
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Und binde Thymjan drein.
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Einst geb ich's denn, mein Liebster, dir,
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Wenn ich seh wieder dich,
39
Mein Liebchen lieb' ich, denn ich weis,
40
Mein Liebchen liebet mich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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