9. Zelindaja

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Johann Gottfried Herder: 9. Zelindaja (1773)

1
Acht und acht, und Tag' auf Tage
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Spielen Kampf die Sarrazinen,
3
Und die Aljataren gegen
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Alarifen und Asargen.

5
Denn der König in Toledo
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Feiert den beschwornen Frieden
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Von Belchitens König, Zaid
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Und Atarfen von Granada.

9
Andre sagen, dieses Fest sey
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Für den König von Achagues;
11
Zelindaja hab's geordnet –
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Ihr zulezt zu eignem Unglück.

13
Ein zum Kampf die Sarrazinen
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Auf hellbraunen Pferden zogen;
15
Pommeranzenfarb' und grün sind
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Ihre Mäntel, ihre Kleider.

17
Und das Sinnbild auf den Tartschen
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Ist ihr Säbel; Amors Bogen
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Ist gekrümmet aus dem Säbel,
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Und das Wort ist: Feur und Blut!

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Gleicherweise folgten ihnen
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Zu dem Kampf die Aljatanen (lies: Aljataren),
23
Röthlich ihre Ritterkleider,
24
Und besät mit weissen Blättern.

25
Und ihr Sinnbild ist ein Himmel
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Auf den Schultern des Atlanten,
27
Und die Schrift dabei hieß also:
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»werd ihn halten, bis er sinkt!«

29
Ihnen nach die Alarifen
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Folgten, köstlich angekleidet,
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Gelb und röthlich Kleid und Mantel,
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Einen Schleier statt des Ermels.

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Und ihr Sinnbild war ein Knote,
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Den ein wilder Mann zerreisset,
35
Und auf dem Kommandostabe
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Stand: Die Tapferkeit gewinnet!

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Jezt die acht Asargen folgten,
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Stolzer sie, als alle jene;
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Violett und blau und gelbe,
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Statt der Federn grüne Blätter.

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Grüne Tartschen, und auf ihnen
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Blauer Himmel, in dem Himmel
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Schlungen sich zwo Händ', das Wort war:
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»alles fällt dem Grünen zu!«

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Und dem König war's zuwider,
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Daß sie so vor seinen Augen
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Seine Müh zu Spotte machten,
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Machten seinen Wunsch zunicht.

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Sprach, als er den Trupp ersahe,
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Sprach zu Selim, dem Alcaiden:
51
»untergehen soll die Sonne;
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Denn sie blendet mein Gesicht.«

53
Der Asarge warf Behorden,
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Die sich in der Luft verlohren,
55
Daß das Aug' es nicht verfolgte
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Wo sie blieben, wo sie fielen.

57
In der Stadt an allen Fenstern
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Standen schauend alle Damen;
59
Auf des Schlosses Gallerien
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Bogen sich hervor die Damen.

61
Trat er vor und trat zurücke,
62
Immer rief das ganze Volk ihm:
63
»alla mit dir! Alla mit dir!«
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Und der König: »Weg mit dir!«

65
Zelindaja unvorsichtig
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Goß auf ihn, als er vorbeiflog,
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Kostbar Wasser, ihn zu kühlen,
68
Da rief schnell der König: Halt!

69
Alle meinen, weil es spät sey,
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Soll das Spiel zu Ende gehen;
71
Doch der eifersüchtge König
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Rufet: »Nehmt ihn, den Verräther!«

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Schnell die beiden andern Züge
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Werfen weg die Röhre, nehmen
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Lanzen, fliegen auf ihn, wollen
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Alle den Asargen fangen. –
77
Denn wer ist es, der dem Willen
78
Eines Königs in der Liebe widerstrebe?

79
Und die andern beiden Züge
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Stehn entgegen; der Asarge
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Spricht: »Die Liebe kennet freilich
82
Kein Gesez, doch soll sie's kennen!

83
Legt die Lanzen, meine Freunde,
84
Lasset sie die Lanzen heben!«
85
Und mit Mitleid und mit Siege
86
Schwiegen diese, jene weinten.
87
Denn wer ist es, der dem Willen
88
Eines Königs in der Liebe widerstrebe?

89
Endlich nahmen sie den Mohren,
90
Und das Volk, ihn zu befreien,
91
Theilt sich in verschiedne Haufen,
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Sondert, sammlet, theilt sich wieder.

93
Doch da ihm ein Führer fehlet,
94
Der sie führe, sie ermuntre,
95
Gehn die Haufen auseinander,
96
Und das Murmeln hat ein Ende;
97
Denn wer ist es, der dem Willen
98
Eines Königs in der Liebe widerstrebe?

99
Einzig nur die Zelindaja
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Rufft: »Befreit, befreit den Mohren!«
101
Will von ihrem Balkon nieder
102
Stürzen sich, ihn zu befreien.

103
Ihre Mutter, sie umfassend
104
Spricht: »Was hast, was hast du Thörin?
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Sterb' er, ohne daß du zeigest,
106
Daß du nur sein Unglück wissest!
107
Denn wer ist es, der dem Willen
108
Eines Königs in der Liebe widerstrebe?«

109
Schnell ein Bote kam vom König,
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Der befahl, daß bei den Ihren
111
Eine Wohnung ihr zum Kerker
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Angewiesen werden sollte.

113
Schnell sprach Zelindaja: »Saget
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Eurem Herrn: mich nie zu ändern
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Wähl' ich mir das Angedenken
116
Des Asargen zum Gefängniß;
117
Und ich weiß wohl, wer dem Willen
118
Eines Königs in der Liebe widerstrebe.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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