1. Der Knabe mit dem Mantel

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Johann Gottfried Herder: 1. Der Knabe mit dem Mantel (1773)

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Am dritten Maien
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In Karlil kam
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Ein art'ger Knabe
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Bei Hofe an.

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Ein'n Gürtel und Mantel
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Der Knabe hatt' an,
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Mit Ringen und Spangen
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Reich angethan.

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Eine Schärpe von Seiden
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Am Leib' er trug,
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War artig, bescheiden,
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Und schien gar klug.

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»gott grüß dich, König Arthur,
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Bei deinem Mahl,
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Wie auch die gute Königin,
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Und Euch ihr Gäste all!

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Ich sag euch, ihr Herren,
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Seyd auf der Hut:
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Wer jezt sein'r Ehr' nicht sicher ist,
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Dem gehts fürwahr nicht gut!«

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Er zog aus der Tasche,
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(was hatt' er drein?)
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Er pflückt heraus ein Mäntelchen
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Aus zwo Nußschalen klein.

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»hier hab's, König Arthur,
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Hier hab's von mir!
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Gib's deiner schönen Königin;
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Und wohl bekomm' es ihr!

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Es steht keiner Frauen,
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Die Treu nicht hielt –«
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Ha! wie jed'r Ritter in Königs Hall
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Stracks auf die Seine schielt.

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Die Kön'gin Genever
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Trat stattlich auf;
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Der Mantel ward ihr umgethan –
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O weh, was folgte drauf!

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Kaum hatt' sie den Mantel,
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Als sich's närrisch begab,
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Sie stand, als mit der Scheer geschnitten,
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Ringsum geschnitten ab.

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Der Mantel verfärbt sich,
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Der Mantel wird grün,
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Wird kothig, wird schmuzig;
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Gar übel es schien.

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Jezt war er schwärzlich,
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Jezt war er grau.
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»mein' Treu', sprach König Arthur,
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Mit dir stehts nicht genau.«

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Ab warf sie den Mantel
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So niedlich und fein,
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Und floh, als wie mit Blut begoss'n,
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In ihre Kamm'r hinein;

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Flucht Weber und Walker,
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Der das ihr gemacht,
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Flucht Rach' auf den Jungen,
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Der'n Mantel gebracht:

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»lieber im Walde mögt' ich seyn
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Unter dem grünen Baum,
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Als hier so beschimpfet
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In Königs Raum!«

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Sie ruft ihrer Dame
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Zu kommen näh'r:
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»madam, mit Euch stehts auch nicht recht!
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Ich bitt Euch, haltet her.«

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An kam die Dame
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Mit kurzem Tritt,
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Grif drauf nach dem Mantel –
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Wie ging's ihr damit?

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Kaum hatt' sie den Mantel,
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Als es geschah,
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Sie stand ganz Mutterfadennackt
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Vor allen Gästen da.

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Jeder Herr Ritter,
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Der dabei saß,
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Wollt' fast sich zerlachen
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Bei solchem Spaas.

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Ab warf sie den Mantel
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So niedlich und fein,
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Und floh, als wie mit Blut begoss'n,
80
Zu ihrer Kammer hinein.

81
Ein alter Ritter
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Hinkt nun heran,
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Und weil sein Glaube nicht bieder war,
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Schleicht er zum kleinen Mann;

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Bot zwanzig Mark ihm
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Blank und baar,
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Wollt' frei ihn halten
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Die Christmeß gar:
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Nur daß sein Weib im Mäntelchen
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Je nur bestünde klar.

91
Kaum hatt' sie den Mantel
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Sich angethan,
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Hier 'n Lappe, da ein Plunder
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Hing närrisch dran.
95
Die Ritter zischten allesammt:
96
»nun der wirds übel gahn!«

97
Ab warf sie den Mantel
98
So niedlich und fein,
99
Und floh, als wie mit Blut begoss'n,
100
In ihre Kamm'r hinein.

101
Kraddock rief sein Weibchen,
102
Ruft's sanft herein,
103
Sprach: »Frau, gewinn dies Mäntelchen;
104
Dies Mäntelchen ist dein!«

105
Sprach: »Frau, gewinn das Mäntelchen;
106
Dies Mäntelchen ist dein,
107
Wenn du dich nie vergassest,
108
Seit dem du warest mein.«

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An hat sie den Mantel,
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Und weh, ach weh!
111
Er rollt sich zusammen
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Zum grossen Zeh.

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Sprach: »garstiger Mantel,
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Beschäme mich nicht!
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Ich will's erzählen,
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Worans gebricht:

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Ich küßt' Lord Kraddock
118
Im grünen Hain,
119
Ich küßt' einmal Lord Kraddock,
120
Eh wir noch waren Ein.«

121
Kaum hatt' sie gebeichtet,
122
Die Sund'bekannt,
123
Da stand der Mantel Lobesan
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Ihr nett an und galant.

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Er glänzt an Farbe
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Wie Gold so schön.
127
Jeder Ritter an König Arthurs Hof
128
Mit Augen thät er's sehn.

129
Ein schrie Frau Genever:
130
»herr König, nein!
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Hat die den Mantel?
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Das kann nicht seyn!

133
Sieh doch die Dame;
134
Die brennt sich rein,
135
Und ließ wohl funfzehn Männer
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In ihre Kammer hinein.

137
Ließ Pfaffen und Schreiber
138
Zu sich herein;
139
Und seht doch, nimmt den Mantel,
140
Und brennt sich weiß und rein!«

141
Der Knab' mit dem Mantel
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Sprach: »König, sieh!
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Dein Weib schändiret;
144
Züchtige sie!

145
Sie ist ein' Hure,
146
Bei meiner Treu!
147
Herr König, in eurer eignen Hall
148
Seyd ihr ein Hahnenreih!« –

149
Der kleine Knabe
150
Zur Thür' aussah,
151
Und sieh! ein grosses wildes Schwein
152
War g'rad im Walde da.

153
Er zog ein Messer
154
Von Holz heraus;
155
Und wer war schneller
156
Vor Königs Haus?
157
Bracht' flugs den wilden Schweinskopf
158
In König Arthurs Haus.

159
Legt stattlich den Schweinskopf
160
Wohl auf den Tisch:
161
»wohlan, wer nun kein Hahnreih ist,
162
Derselb' trenschire frisch!«

163
Das Wort den Herren
164
Ging übel ein.
165
Sie puzten und wezten
166
Ihr Messerlein;
167
Theils liessen's fallen,
168
Und.hatten kein'.

169
Ging ans Trenschiren,
170
Ging rings herum;
171
Die Messer, die bogen
172
Sich schändlich um:
173
Die Spize, die Schneide
174
War lahm und krumm.

175
Lord Kraddock hatt' ein Messerchen
176
Von Eisen und von Stahl;
177
Er ging an wilden Schweinskopf,
178
Zerlegt ihn all und all,
179
Und präsentirt die Schnittchen
180
Den Herrn in Königs Saal. –

181
Der Knab' hatt' von Golde
182
Ein schönes Horn;
183
Er sprach: »Da ist kein Hahnreih,
184
Der trinkt aus diesem Horn!
185
Er muß sich beschütten
186
Von hinten, oder vorn.«

187
Die Herren probierten,
188
Doch gar nicht fein –
189
Dem kommts auf die Schulter,
190
Dem kommt's aufs Bein,
191
Und wer dabei sein Maul noch braucht,
192
Fliegts ins Gesicht hinein –
193
Und kurz und gut, wer Hahnreih war,
194
War's jezt bei Tagesschein.

195
Das Horn gewann Kraddock,
196
Den Schweinskopf dabei;
197
Sein Weib gewann das Mäntelchen
198
Für ihre Ehetreu.
199
Geb Gott, ihr Herrn und Damen,
200
Daß euch so gut auch sey!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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