22. König Esthmer

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Johann Gottfried Herder: 22. König Esthmer (1773)

1
Horcht mir zu, ihr lieben Leut,
2
Neigt euer Ohr mir dar;
3
Ich sing euch von ein'm Bruder Paar,
4
Als je nur Eines war.

5
Der Eine von ihnen hieß Adler jung,
6
Der Andre König Esthmer.
7
Sie waren so wackre Männer in Thaten,
8
Als immer nah und ferne.

9
Und als sie trunken einst Bier und Wein
10
In König Esthmers Hallen:
11
»wann wollt ihr nehmen ein Weib euch, Bruder,
12
Ein Weib zur Freud uns allen?«

13
Denn besprach's König Esthmer,
14
Antwort't ihm hastiglich:
15
»ich weiß kein Maid in allem Land,
16
Die wär ein Weib für mich.«

17
»könig Adland hat eine Tochter, Bruder,
18
Jeder nennt sie fein und schön;
19
Wär ich hier König an Eurer Statt,
20
Die Dam' wär Königin.«

21
Sprach: »rath mir, rath mir, lieber Bruder,
22
Durch's lust'ge Engelland
23
Wo sollen wir einen Boten finden,
24
Der zwischen uns sey zur Hand.«

25
Sprach: »Ihr müst reiten selbst, mein Bruder;
26
Ich will euch kompaneyn.
27
Wohl mancher ist durch Boten betrogen;
28
Ich fürcht', auch ihr möcht's seyn.«

29
Und also puzten sie sich zu reiten,
30
Gepuzt war beider Roß;
31
Und als sie kamen zu Adlands Hallen,
32
Von Golde glänzt ihr Troß.

33
Und als sie kamen zu Adlands Hallen,
34
Wohl vor das hohe Thor,
35
Allda sie fanden König Adland selbst,
36
Macht ihnen auf das Thor.

37
»nun Gott mit Euch, König Adland gut,
38
Gott mit Euch immer und hier!«
39
Sprach: »Willkomm, willkomm, König Esthmer,
40
Recht herzlich willkomm mir!«

41
»ihr habt eine Tochter, sprach Adler jung,
42
Jeder nennt sie fein und schön.
43
Mein Bruder will sie nehmen zum Weib,
44
Zu Englands Königin.«

45
»und gestern war um meine Tochter hier
46
König Bremor aus Spaniens Reich,
47
Und da nickt sie ihr Nein ihm zu;
48
Ich fürcht, sie thuts auch euch.«

49
»der König von Spanien ist ein garst'ger Heid,
50
Und glaubt an Mahomet.
51
's wär Jammer um solch ein schönes Maid,
52
Daß so ein Hund sie hätt!«

53
»aber sagt mir, (König Esthmer sprach's)
54
Ich bitt euch, sagt mirs zu,
55
Daß morgen ich Eure Tochter seh,
56
Eh ich wegreiten thu.«

57
»und wärs gleich sieben und noch mehr Jahr,
58
Seit sie war in der Hall,
59
So soll sie kommen um Euretwillen,
60
Zur Freud den Gästen all.«

61
Ab denn kam die schöne Maid
62
Mit Jungfraun reicher Zahl,
63
Wohl halb einhundert Ritter stolz
64
Einleiten sie zur Hall,
65
Und noch so mancher Edelknab',
66
Ihn'n aufzuwarten all.

67
Die Goldstück' all an ihrem Haupt,
68
Sie hingen bis zu den Knien,
69
Und jeder Ring an ihrem Fing'r
70
Ein heller Demant schien.

71
Sprach: »Grüß euch Gott, meine Dame schön!«
72
Sprach: »Grüß euch Gott allhier!«
73
Sprach: »Willkomm, willkomm, König Esthmer,
74
Recht herzlich willkomm mir!

75
Und liebt ihr mich denn, als ihr sagt,
76
So herzlich und so treu,
77
Warum ihr immer nur kommen seyd,
78
Geb Gott, euch glücklich sey!«

79
Ein denn, sprach der Vater theur:
80
»meine Tochter, Nein ich sag!
81
Bedenk der König von Spanien,
82
Was der sprach gestertag.

83
Wollt stürzen ein mir Schlöss'r und Hall'n?
84
Wollt rauben das Leben mir?
85
Fürwahr, ich fürcht' des Heiden Grimm,
86
Wenn ich dies zugeb' dir.«

87
»eure Schlösser und eure Thürme, Vater,
88
Sind stark und vest gebaut,
89
Und darum weiß ich nicht, was Euch
90
Fürm garst'gen Heiden graut.

91
König Esthmer, gebt mir Euer Wort,
92
Beym Himmel und rechter Hand,
93
Daß ihr mich nehmen wollt zum Weib,
94
Zur Kön'gin in Eur Land.«

95
König Esthmer freudig gab sein Wort,
96
Beym Himmel und rechter Hand,
97
Daß er sie nehmen wollt zum Weib,
98
Zur Kön'gin in sein Land.

99
Nahm Urlaub von der schönen Braut,
100
Zu gehn schnell in sein Reich,
101
Zu suchen Herzog', Ritter und Grafen,
102
Sie heimzuführen gleich.

103
Sie hatten geritten eine Meile kaum,
104
Eine Meile weit hinan,
105
Als ein thät kommen der Span'sche König
106
Mit manchem Kämpfersmann.

107
Als ein thät kommen der Span'sche König,
108
Mit manchem grimmen Baron,
109
Noch heut zu freyn König Adlands Tochter,
110
Und morgen zu ziehn davon.

111
Stracks sandt sie König Esthmer'n nach,
112
So schnell als bitter ihr graut,
113
Sollt eilig kommen und kämpfen um sie,
114
Oder immer aufgeben die Braut.

115
Ein' Weil' der Edelknabe kam,
116
Ein' ander Weil' er lief,
117
Bis er König Esthmern eingeholt,
118
Und schnell und hastig rief:

119
»zeitung, Zeitung, König Esthmer!«
120
»und was für Zeitung dann?«
121
»o Zeitung muß ich euch sagen,
122
Die euch wohl schwer seyn kann.

123
Ihr hattet geritten eine Meile kaum,
124
Eine Meile weit hinan,
125
Als ein schon kam der Span'sche König
126
Mit manchem Kämpfersmann.

127
Als ein schon kam der Span'sche König
128
Mit manchem grimmen Baron,
129
Noch heut zu freyn König Adlands Tochter,
130
Und morgen zu ziehn davon.

131
Die Dame schön Euch freundlich grüßt,
132
So sehr und bitter ihr graut,
133
Spricht: Ihr müst kommen und fechten um sie,
134
Od'r immer aufgeben die Braut.«

135
Sprach: »rath mir, rath mir, lieber Bruder,
136
Dein Wort und ich geh's ein,
137
Wes Weges sollen wir gehn und fechten?
138
Gerettet muß sie seyn.«

139
»nun horcht mir zu, sprach Adler jung,
140
Mein Wort und geht es ein,
141
So will ich gleich euch zeigen den Weg,
142
Da sie kann gerettet seyn.

143
Meine Mutter war aus Westenland,
144
Gelehrt in Schreiberei,
145
Und als ich noch zur Schule ging,
146
Bracht sie mir auch was bei.

147
Da wächst ein Kraut im Felde hier,
148
Und wer es kennet, traun,
149
Der, ist er weiß wie Milch und Blut,
150
Wird dadurch schwarz und braun.

151
Und ist er dunkel, schwarz und braun,
152
Macht's schnell ihn weiß und roth,
153
Und ist kein Schwert in Engelland,
154
Das könnt ihm bringen Noth.

155
Und Ihr sollt seyn ein Harfner, Bruder,
156
Wie Ein'r aus Norden pflegt,
157
Und ich will seyn eur Singer, Bruder,
158
Der euch die Harfe trägt.

159
Und Ihr sollt seyn der beste Harfner,
160
Der je die Harfe schlug,
161
Und ich will seyn der beste Singer,
162
Der je die Harfe trug.

163
Und soll uns aufstehn auf der Stirn,
164
Und All's durch Schreiberei,
165
Daß wir im ganzen Christenthum
166
Wohl sind die Kühnsten zwei.«

167
Und so sie puzten sich zu reit'n,
168
Gepuzt war beider Roß,
169
Und als sie kamen zu Adlands Hall'n,
170
Von Golde glänzt ihr Troß.

171
Und als sie kamen zu Adlands Hall'n
172
Wohl vor das veste Thor,
173
Da fanden sie einen Pförtner stolz,
174
Der aufthun sollt das Thor.

175
Sprach: »Grüß dich Gott, du Pförtner stolz!«
176
Sprach: »Grüß dich Gott allhier!«
177
»nun willkomm, sprach der Pförtner stolz,
178
Von wannen seyd denn ihr?«

179
»wir sind zwei Harfner, sprach Adler jung,
180
Aus Nordland kommen wir;
181
Sind angekommen, mit anzuschaun
182
Die reiche Hochzeit hier.«

183
Sprach: »Und Eur Farb ist weiß und roth,
184
Und Eur' ist schwarz und braun;
185
König Ehstmer (Esthmer) und sein Bruder ist hier,
186
Will ich ansagen, traun!«

187
Ab sie zogen ein'n Ring von Gold,
188
Ihn legend an Pförtners Arm:
189
»wir woll'n nicht dir, du Pförtner stolz,
190
Du uns nicht sagen Harm!«

191
Ernst er ansah König Esthmer,
192
Dann ernst auf seinen Ring,
193
Dann öfnet er ihnen das Gitterthor,
194
Sonst thät ers um kein Ding.

195
König Esthmer schwung sich ab vom Roß
196
An Königs Halle hart.
197
Der Schaum, der stand vor Pferds Gebiß,
198
War wie König Bremors Bart.

199
Sprach: »Stall dein Roß, du Harfner stolz,
200
Geh, stall es in den Stall!
201
Ein'm solchen Harfner es nicht ziemt,
202
Zu stall'n in Königs Hall.«

203
»ich hab ein'n Jungen, der Harfner sprach,
204
Der ist so keck und kühn,
205
Ich wollt' ich fänd' einmal den Mann,
206
Der einst ihn züchtigt' – ihn!«

207
»du sprichst wohl stolz, sprach der Heiden Kön'g,
208
Du Harfner hier zu mir:
209
Da ist ein Mann in dieser Hall,
210
Der Eins gibt ihm und dir.«

211
»o laß ihn kommen, der Harfner sprach,
212
Ich möcht' ihn gern doch sehn.
213
Und wenn er's diesem gegeben hat,
214
Soll's über mich ergehn.«

215
Ab denn kam der Kämpfersmann,
216
Und schaut ihm ins Gesicht.
217
Um alles Gold auf aller Welt
218
Dorft er sich nahn ihm nicht.

219
»und wie nun, Kämpfer? der König sprach,
220
Und was kommt dir jezt bei?«
221
Er sprach: »Da stehts auf seiner Stirn,
222
Und Alles durch Schreiberei!
223
Um alles Gold auf aller Welt
224
Ich ihm nicht nahe bei.«

225
König Esthmer dann die Harfe zog,
226
Und spielt darauf so süß.
227
Aufstarrt die Braut an Königs Seit';
228
Dem Heiden macht's Verdrieß.

229
»halt ein dein' Harf, du Harfner stolz,
230
Halt ein, ich sag es dir,
231
Denn spielst du fort, als du beginnst,
232
Meine Braut entspielst du mir.«

233
Er riß, er riß aufs neu die Harf,
234
Er spielt so schön und frei;
235
Die Braut, die ward so wohlgemuth,
236
Lacht Eins und zwei und drei.

237
»gib mir dein' Hart, der König sprach,
238
Dein' Harf und Saiten all,
239
Und so viel Goldstück sollt du hab'n,
240
Als ihrer Saiten Zahl.«

241
»und was wollt ihr thun mit der Harf,
242
Wenn ich sie Euch lassen thät?«
243
»meine Braut so spielen wohlgemuth,
244
Wenn wir nun gehn zu Bett.«

245
»so laß mir denn deine schöne Braut
246
So prächtig über All',
247
Und so viel Goldstück sollt du hab'n,
248
Als Ring hier in der Hall.«

249
»und was wolltst du mit der schönen Braut,
250
Wenn ich dir sie lassen thät?
251
Ziemt sich doch mehr für mich als dich,
252
Die Schöne führen zu Bett.«

253
Er spielt' aufs neu, strich laut und klar,
254
Und Adler sang darein:
255
»o Braut, dein treuer Liebhaber es ist,
256
Kein Harfner, der König dein!

257
O Braut, dein treuer Liebhaber es ist;
258
Blick auf, blick auf und sieh,
259
Zu retten dich vom garst'gen Heid,
260
Sind wir zwei kommen allhie.«

261
Die Braut blickt auf, die Braut ward so roth,
262
Blickt auf und ward so roth,
263
Indeß zog Adler sein scharfes Schwert,
264
Der Sultan, er lag todt.

265
Auf standen denn die Kämpfer all,
266
Schrien all' in grosser Noth:
267
»verräther, hast den König erschlagen –
268
Und schnell sollt auch seyn todt.«

269
König Esthmer warf hinweg die Hart,
270
Ergrif sein Schwert so schnell,
271
Und Esthmer Er und Adler jung,
272
Sie fochten, als gegen die Höll.

273
Und ihre Schwerter trafen so
274
Durch Hülf der Schreiberei,
275
Daß bald erschlagen die Kämpfer lagen,
276
Oder waren nicht mehr dabei.

277
König Esthmer nahm die schöne Braut,
278
Führt sie zum Weibe sich
279
Daheim ins lust'ge Engelland,
280
Und lebt da fröliglich.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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