19. Gasul und Lindaraja

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: 19. Gasul und Lindaraja (1773)

1
Durch die Strasse zu Sankt Lucar
2
Kommt heran der tapfre Gasul,
3
Prächtig, schöngeschmückt in weisser,
4
Violett- und grüner Farbe.

5
Muthig will er ab jezt reisen
6
Zum Turnierfest, das in Gelves
7
Der Alcaide gibt zur Feier,
8
Als ein Friedensfest des Landes.

9
Er liebt eine Benceraja,
10
Ueberbliebne jener Helden,
11
Die die Zegris und Gomeles
12
Einst verriethen in Granada.

13
Sie zum Abschied noch zu sprechen,
14
Wendet er wohl tausendmale
15
Auf und ab, dringt mit den Augen
16
Durch die glücklichlieben Wände.

17
Endlich, nach der Jahreslangen
18
Stunde seiner raschen Hoffnung,
19
Tritt hervor sie auf den Balcon,
20
Seine lange Stunde kürzend.

21
Er hält an sein Roß, und läst es,
22
Da ihm aufgeht seine Sonne,
23
Niederknien in seinem Namen,
24
Und vor ihr die Erde küssen.

25
Mit gestörter Stimme spricht er:
26
»schönste, nun kann meiner Reise
27
Trauriges auch nichts begegnen,
28
Da ich deinen süssen Blick seh.

29
Pflichten nur und Anverwandte
30
Ziehn dorthin mich, ohne Seele.
31
Mein Andenken bleibt zurück dir,
32
Ob du auch an mich noch denkest?

33
Schönste, gib mir denn ein Denkmaal,
34
Nicht, daß es mich dein erinnre,
35
Nur, daß es mit dir mich schmücke,
36
Schüze, leit' und mache muthig.«

37
Aber Lindaraja brennet,
38
Eifersüchtig bis zum Tode,
39
Daß in Geres eine Zaida,
40
Neben ihr sie Gasul liebe.

41
Daß er in den Tod sie liebe,
42
Hat erfahren Lindaraja,
43
Und antwortet Gasul also:

44
»wenn sichs im Turnier jezt füget,
45
Wie es meine Brust dir wünschet
46
Und die deine es verdienet,
47
So wirst du, so stolz wie immer,
48
Nach Lucar nicht wiederkehren,
49
Nicht vor Augen, die dich lieben,
50
Noch vor Augen, die dich abscheun.

51
Ja gefalls dem grossen Alla,
52
Daß im Spiele deine Feinde
53
Auf dich ziehn geheime Lanzen,
54
Und du fallest, wie du lügest;

55
Und daß, unterm Oberkleide,
56
Panzerhemde sie beschüzen,
57
Daß, wenn du nach Rache dürstest,
58
Du sie suchst und doch nicht findest,

59
Deine Freunde dich verlassen,
60
Deine Feinde dich zertreten,
61
Du auf ihren Schultern ausgehst,
62
Wie du für die Dame eintratst.

63
Und daß, statt dich zu beweinen,
64
Die du liebst und die du täuschest,
65
Beide dir mit Flüchen beistehn,
66
Und sich freuen deines Todes.«

67
Gasul meinet, daß sie scherze,
68
(wie die Unschuld pflegt zu meinen)
69
Hebt empor sich in den Bügeln,
70
Ihre schöne Hand zu langen.

71
»lügner, o Sennora, spricht er,
72
Ist der Mohr, der mich verläumdet,
73
Auf ihn alle diese Flüche,
74
Ihn zu lohnen, mich zu rächen!

75
Meine Seele hasset Zaida,
76
Reuig, daß ich je sie liebte;
77
Fluch auf alle jene Jahre!
78
Da ich ihr (mein Unglück!) diente.

79
Sie hat mich um einen Mohren,
80
Reich an armem Gut, verlassen.« –
81
Da das Lindaraja höret,
82
Kann sie es nicht länger ausstehn,

83
Und in selbem Augenblicke
84
Kommt der Page mit den Rossen,
85
Führet sie, geschmückt mit Federn
86
Und mit anderm Schmuck des Festes;

87
Aber Gasul faßt die Lanze,
88
Fasset sie mit starker Rechte,
89
Splittert sie in tausend Stücke
90
Gegen die geliebten Wände.

91
Und befiehlt, daß seinen Rossen
92
Gleich der Schmuck gewechselt werde,
93
Statt der grünen Federn falbe,
94
Falb hineinzuziehn nach Gelves.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.