6. Die Judentochter

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: 6. Die Judentochter (1773)

1
Der Regen, er rinnt durch Mirrilandstadt,
2
Rinnt ab und nieden den Po!
3
So thun die Knaben in Mirrilandstadt,
4
Zum Ballspiel rennen sie so.

5
Da 'naus und kam die Judentochter,
6
Sprach: willt du nicht kommen hinein?
7
»ich will nicht kommen, ich kann nicht kommen
8
Von allen Gespielen mein.«

9
Sie schält einen Apfel, war roth (und) weiß,
10
Zu locken den Knaben hinan.
11
Sie schält einen Apfel, war weiß und roth,
12
Das süsse Kind der gewann.

13
Und aus und zog sie ein spizig Mess'r,
14
Sie hatt's versteckt beiher;
15
Sie stachs dem jungen Knaben ins Herz,
16
Kein Wort sprach nimmer er mehr.

17
Und aus und kam das dick dick Blut,
18
Und aus und kam es so dünn,
19
Und aus und kam 's Kinds Herzensblut;
20
Da war kein Leben mehr in.

21
Sie legt' ihn auf ein Schlachtbrett hin,
22
Schlacht't ihn ein Christenschwein,
23
Sprach lachend: »geh und spiele nun da
24
Mit allen Gespielen dein!«

25
Sie rollt ihn in ein'n Kasten Blei;
26
»nun schlaf da!« lachend sie rief;
27
Sie warf ihn in ein'n tiefen Brunn,
28
War funfzig Faden tief.

29
Als Betglock klang und die Nacht eindrang,
30
Jede Mutter nun kam daheim;
31
Jede Mutter hatt' ihren herzlieben Sohn,
32
Nur Mutter Anne hatt kein'n.

33
Sie rollt ihren Mantel um sich her,
34
Fing an zu weinen sehr,
35
Sie rann so schnell ins Juden Castell,
36
Wo keiner, ach! wachte mehr:

37
»mein liebster Hönne, mein guter Hönne,
38
Wo bist du? antwort mir!«
39
»o Mutter, o rennt zum Ziehbrunn tief,
40
Euren Sohn da findet ihr!«

41
Mutter Anne rann zum tiefen Brunn,
42
Sie fiel danieder aufs Knie!
43
»mein liebster Hönne, mein guter Hönne,
44
O antwort, bist du hier?«

45
»der Brunn ist wunder tief, o Mutter,
46
Der Bleikast wunder schwer;
47
Ein scharf, spiz Messer geht durch mein Herz;
48
Kein Wort sprech nimmer ich mehr.

49
Geh heim, geh heim, mein' Mutter theur,
50
Mach' mir mein Leichenkleid,
51
Daheim da hinter Mirrilandstadt
52
Komm' ich an eure Seit'.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.