13. Wiegenlied einer unglücklichen Mutter

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Johann Gottfried Herder: 13. Wiegenlied einer unglücklichen Mutter (1773)

1
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
2
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn,
3
Und schläfst du sanft, bin ich so froh,
4
Und wimmerst du – das schmerzt mich so!
5
Schlaf sanft, du kleines Mutterherz,
6
Dein Vater macht mir bittern Schmerz.
7
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
8
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

9
Dein Vater, als er zu mir trat,
10
Und süß, so süß um Liebe bat,
11
Da kannt ich noch sein Truggesicht
12
Noch seine süsse Falschheit nicht.
13
Nun, leider! seh ichs, seh ichs ein,
14
Wie nichts wir ihm nun beyde seyn.
15
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
16
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

17
Ruh sanft, mein Süsser, schlafe noch!
18
Und wenn du aufwachst, lächle doch,
19
Doch nicht, wie einst dein Vater that,
20
Der lächelnd mich so trogen hat.
21
Behüt dich Gott! – Doch machts mir Schmerz,
22
Daß du auch trägst sein G'sicht und Herz.
23
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
24
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

25
Was kann ich thun? Eins kann ich noch.
26
Ihn lieben will ich immer doch!
27
Wo er geh und steh nah und fern,
28
Mein Herz soll folgen ihm so gern.
29
In Wohl und Weh, wie's um ihn sey,
30
Mein Herz noch imm'r ihm wohne bei.
31
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
32
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

33
Nein, schöner Kleiner, thu es nie;
34
Dein Herz zur Falschheit neige nie;
35
Sey treuer Liebe immer treu,
36
Verlaß sie nicht, zu wählen neu;
37
Dir gut und hold, verlaß sie nie –
38
Angstseufzer, schrecklich drücken sie!
39
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
40
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn!

41
Kind, seit dein Vater von mir wich,
42
Lieb ich statt deines Vaters dich!
43
Mein Kind und ich, wir wollen leben;
44
In Trübsal wird es Trost mir geben –
45
Mein Kind und ich, voll Seligkeit,
46
Vergessen Männergrausamkeit –
47
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
48
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

49
Leb wohl denn, falscher Jüngling, wohl!
50
Der je kein Mädchen täuschen soll!
51
Ach jede, wünsch ich, seh' auf mich,
52
Trau keinem Mann und hüte sich!
53
Wenn erst sie haben unser Herz,
54
Forthin machts ihnen keinen Schmerz –
55
Schlaf sanft, mein Kind, schlaf sanft und schön!
56
Mich dauerts sehr, dich weinen sehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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