10. Zaida an Zaid

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Johann Gottfried Herder: 10. Zaida an Zaid (1773)

1
Hör, was ich dir melde, Zaid!
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Geh nicht mehr durch meine Strasse,
3
Sprich nicht mehr mit meinen Weibern,
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Noch mit meinen Sklaven sprich mehr!

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Frage nicht mehr, was ich mache?
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Noch wer komm, mich zu besuchen?
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Welche Feste mich ergözen?
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Welche Farben mir gefallen?

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Gnug an der, die deinetwegen
10
Jezo meine Wangen färbet!
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Daß ich einen Mohren kannte,
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Der so wenig weiß zu leben. –

13
Ich gesteh es, du bist tapfer,
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Spaltest, trennest, reissest nieder,
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Hast der Christen mehr erleget,
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Als Blutstropfen in dir fliessen!

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Bist ein wackrer schöner Reuter,
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Tanzest, singest, spielest lieblich,
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Bist so fein, so wohlerzogen,
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Wie man sich es nur kann denken;

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Weiß und roth, daß nichts darüber!
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Stammest von berühmten Ahnen,
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Bist die Krone stets im Streite,
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Bist die Zier in Scherz und Spielen!

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Viel verlier' ich mit dir, Zaid!
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Wie ich viel mit dir gewann,
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Und – wärst du nur stumm gebohren,
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Wär' es dich zu lieben möglich.

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Aber um des Einen willen,
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Muß ich, Zaid, dich verlieren,
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Da, Verschwender deiner Seele,
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Du dir selbst dein Glück ja raubest.

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Denn in Reden dich zu zähmen,
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Thäte es ja wahrlich Noth, dir
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Auf die Brust ein Schloß zu sezen,
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Auf die Lippen einen Kadi.

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Viel vermögen bei den Damen
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Tapfre Männer Deinesgleichen;
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Denn sie lieben tapfre Männer,
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Die zerstreuen, haun und spalten.

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Aber kurz und gut, Freund Zaid,
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Wenn von solchen Gunsterweisen
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Du dir etwa Tafel giebest;
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Rath ich dir: genieß und schweige!

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Köstlich wars, was du genossest,
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Glücklich wärest du, o Zaid,
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Wüstest du, dir zu erhalten,
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Was du zu gewinnen wustest.

49
Aber warest du doch neulich
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Kaum heraus aus Tarfes Garten,
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Als du ja von deinem Unglück
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Und von meinem so beredt warst!

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Einem mißgeschaffnen Mohren
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Zeigtest du, ich weiß es, jene
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Flechte, die von meinen Haaren
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Ich dir auf den Turban steckte.

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Nicht verlang' ich sie zurücke,
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Noch, daß du das Nichts behaltest,
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Aber wisse, Mohr! Du hast sie
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Jezt zum Zeichen meiner Ungunst!

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Auch hab' ich es wohl erfahren,
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Wie du ihn für jene Lügen,
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Lügen, die für Wahrheit gelten,
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Nun herausgefodert habest.

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Wahrlich, ein so närrisch Unglück
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Macht mich lachen wider Willen,
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Wahrest selbst nicht dein Geheimniß;
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Und ein andrer soll es wahren?

69
Ich will nichts entschuldigt hören;
70
Nochmals will ich dir nur melden,
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Daß du jezt zum leztenmale
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Mich hier siehst, und ich dich spreche.

73
Also die verschämte Mohrin
74
Sprach zum stolzen Bencerrajen;
75
Sprach noch, da sie weg sich wandte:
76
»wers so macht, wird so gelohnet!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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