7. Alkanzor und Zaida

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Johann Gottfried Herder: 7. Alkanzor und Zaida (1773)

1
Säuselnd wehn die Abendwinde,
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Säuselnd fället kühler Thau,
3
Und schon kommt der Mohr Alkanzor
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Lichtscheu dort auf dunkler Au.

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In dem Pallast wohnet Zaida,
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Die so treu, er sich erkohr,
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Sie, die schönste junge Mohrin,
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Er, ein edler junger Mohr.

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Sehnlich harrt er nun der Stunde,
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Die sie, ihn zu sehn, versprach,
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Wanket hin und her; nun steht er,
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Horchet, schleichet, lauschet nach.

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Furcht und Hoffen faßt ihn wechselnd,
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Seufzet tief. – O tritt herfür,
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Guter Jüngling, sieh, am Fenster,
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Dort erscheint dein Mädchen dir.

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Lieblich auf geht Mondes-Schimmer
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Dem verirrten Schäfersmann,
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Wenn wie Silberglanz es aufsteigt
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Berg und Thale güldend an.

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Lieblich lacht die Pracht der Sonne
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Den verzagten Seemann an,
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Wenn sie grausen Sturm zertreibend
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Glättet auf der Wogen Bahn.

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Aber tausendmal so lieblich
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Stielt dem Liebelauscher hier
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Halbgesehn das schöne Mädchen
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Durch die Dämmrung sich herfür.

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Auf den Zehn steht er beklommen,
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Flüstert Seufzer sanft ihr zu:
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»alla mit dir, liebstes Mädchen!
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Gibst du Tod mir oder Ruh?

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Ist sie wahr, die Schreckgeschichte,
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Die mein Knabe jezt erfährt,
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Daß man einem alten kargen
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Reichen dich zur Braut gewährt?

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Daß ihn jezt dein grimmer Vater
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Bringt von Antiquera schon,
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Ist, o untreu' falsche Zaida,
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Ist das meiner Liebe Lohn?

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Ist es wahr, so sprich mirs immer,
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Täusche länger nicht mein Ach,
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Schweige mir nicht, was ja jeder
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Weiß und andern lispelt nach!«

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Tief erseufzt das schuld'ge Mädchen,
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Thränen strömen sanft ihr ab:
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»leider wahr, zu wahr, mein Lieber;
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Hier ist unsrer Liebe Grab!

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Unsre Freundschaft ist verrathen,
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Unser Bund ist schon bekannt;
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Alle meine Freunde wüthen,
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All das Haus ist Sturm und Brand.

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Drohen, Schelten, Fluch ist um mich,
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Vaters Strenge bricht mein Herz.
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Ich muß fort, o edler Jüngling,
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Alla weiß mit welchem Schmerz!

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Alte Feindes Wunden trennten
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Lange dein und unser Haus;
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Wie denn, daß dein' edle Tugend
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Allen Haß mir löschte aus.

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Wohl ach! weißt du, wie ich zärtlich,
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Frei von jener Stolz und Groll,
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Liebte dich, ob ich vom Vater
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Gleich dich nimmer hofte wohl.

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Wohl ach! weißt du, wie so grausam
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Meine Mutter mir verfuhr,
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Was ich ausstand, dich zu sehen
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Abend und Frühmorgens nur.

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Länger kann ich nun nicht streiten;
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Alle zwingen sie mir ab
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Diese schwache Hand, und morgen
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Muß ich in mein Ehegrab.

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Aber denke nicht, daß deine
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Treue Zaida das verlebt.
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Ach! schon sagt mein brechend Herz mir
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Daß es nicht mehr lange bebt.

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Lebe wohl denn, süsser Jüngling,
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Zu sehr leb' ich nur um dich!
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Diese Schärp', ein Abschiedszeichen,
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Wenn du's trägest, denk an mich!

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Bald, Geliebter, wird ein werther
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Mädchen lohnen deine Treu;
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Sag ihr denn, daß deine Zaida
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Um dich früh gestorben sey!«

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So betäubt, verworren goß sie
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Aus vor ihm der Liebe Schmerz.
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Tief erseufzt er, rief: »O Zaida,
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Brich, o brich nicht so mein Herz!

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Kanst du's denken, dich verlieren
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Soll ich, und so seyn in Ruh?
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Lieber todt zu tausendmalen,
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Und der Alte todt dazu!

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Und kanst du dich denn so schimpflich
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Ihnen lassen? Fleuch zu mir!
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Dieses Herz soll für dich bluten,
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Dieser Arm soll dienen dir!«

97
»all umsonst, umsonst, Alkanzor,
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Mauern, Wachen sind da vor,
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Kaum erstahl ich diesen Blick noch,
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Wo mein Mädchen steht am Thor.

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Horch, ich hör den Vater stürmen,
102
Horch, die Mutter tobt auf mich;
103
Ich muß fort! Leb wohl auf ewig!
104
Güt'ger Alla leite dich!« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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