2. Die schöne Rosemunde

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Johann Gottfried Herder: 2. Die schöne Rosemunde (1773)

1
Einst herrscht' ein König, in der Zahl
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Heinrich der zweit' er hieß,
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Der liebte, nebst der Königin,
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Ein Fräulein hold und süß.

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Ihrs gleichen war auf Erden nicht
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An Liebreiz und Gestalt;
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Kein süßer Kind war auf der Welt
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In Eines Manns Gewalt.

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Ihr Lockenhaar, für feines Gold
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Hätts jedermann erkannt;
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Ihr Auge stralte Himmelsglanz
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Wie Perl' aus Morgenland.

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Das Blut in ihren Wangen zart
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Trieb solch ein Roth und Weiß,
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Als ob da Ros' und Lilie
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Stritt um den Wettepreis.

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Ja Rose, schöne Rosemund'
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Hieß recht das Engelskind,
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Der aber Königin Lenor'
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War Todesfeind gesinnt.

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Darum der König, ihr zum Schuz,
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(der Feindin zu entgehn)
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Zu Woodstock baut' ein' solche Burg,
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Als nimmer war gesehn.

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Gar künstlich war die Burg erbaut
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Von vestem Holz und Stein;
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Nach hundertfunfzig Thüren erst
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Kam man zur Burg hinein.

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Und alle Gänge schlangen sich
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So durch und durch ins Haus,
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Daß sonder eines Leitgarnsbund
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Niemand kam ein und aus.

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Und ob des Königs Lieb und Gunst
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Zu seiner holden Braut
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Ward nur dem treusten Rittersmann
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Die Wacht der Burg vertraut.

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Doch ach! das Glück, das oft ergrimmt,
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Wo es zuvor gelacht,
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Beneidet bald des Königs Lust
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Und Röschens Liebespracht.

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Des Königs undankbarer Sohn,
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Den er selbst hoch erhöht,
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Empörte sich in Frankreich stolz
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Nach Vaters Majestät.

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Doch eh noch unser König hold
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Sein Engelland verließ,
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Da nahm er noch dies Lebewohl
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Von seiner Bule süß:

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»o Rosemunde, Rose mein,
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Du meiner Augen Lust,
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Die schönste Blum' in aller Welt
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An deines Königs Brust.

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Die Blume, die mein Herz erquickt
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Mit süssem Wonnestral,
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O meine Königsrose, leb',
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Leb wohl zu tausendmal!

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Denn, meine schönste Rose, nun
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Werd' ich dich lang nicht sehn,
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Muß übers Meer, muß Aufruhrsstolz
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In Frankreich bändigen.

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Doch meine Rose – ja gewiß!
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Sollt bald mich wiedersehn!
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Und mir im Herzen – o, da sollt
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Du immer mit mir gehn!«

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Als Rosemund', das holde Kind
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Kaum Königs Wort gehört,
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Da brach mit Macht der Kummer aus,
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Der tief ihr Herz verzehrt.

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Im Himmel ihrer Augen schwamm
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Thrän' über Thrän' hinan,
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Bis, wie ein Silber, Perlenthau
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Von ihren Wangen rann.

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Der Lippen zart Korallenroth
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Ermattet' und erblich;
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Für Kummer starrt ihr schönes Blut,
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Und all ihr Geist entwich.

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Sie sank, in Ohnmacht sank sie hin
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Zu ihres Königs Knie,
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Der oft denn seinen Königsarm
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Voll Liebe schlang um sie.

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Wohl zwanzig, zwanzigmale küßt
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Er sie mit nassem Blick,
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Bis endlich noch ihr sanfter Geist
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Ins Leben kam zurück:

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»was ist dir Rose, Rose mein,
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Was dir so Kummer macht?« –
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»ach, seufzt sie, ach, mein König zeucht
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Ja fern in Todesschlacht!

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Und da mein Herr in fremdes Land,
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Vor wilder Feinde Heer,
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Hinzeucht, und Leib und Leben wagt,
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Was soll denn ich hier mehr?

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Dein Waffenknabe laß mich seyn,
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Gib Tartsche mir und Schwert,
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Daß meine Brust dem Streiche steh,
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Der dich zu tödten fährt.

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Wie oder laß im Königszelt
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Mich betten dir zur Nacht,
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Und kühlen dich mit Bädern frisch,
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Wenn du kommst aus der Schlacht.

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So bin ich doch bei dir, und will
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Nicht Arbeit scheun, noch Noth!
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Ab'r ohne dich – ach, leb' ich nicht,
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Da ist mein Leben Tod!«

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»besänft'ge dich, mein Liebchen, sieh,
106
Du bleibest heim in Ruh,
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Im lieblich schönen Engelland;
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Kein Feldziehn kommt dir zu!

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Nicht blut'ger Krieg, der Friede sanft
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Ist für dein sanft Geschlecht;
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Auf schöner Burg ein Freudenfest,
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Nicht Lager und Gefecht!

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Mein Röschen soll hier sicher seyn
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In Lust und Saitenspiel,
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Indeß ich unter scharfem Speer
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Den Feind aufsuchen will.

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Mein Röschen glänzt in Perl' und Gold,
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Indeß mich Stahl umhüllt;
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Mein Liebchen tanzt hier Freudentanz,
120
Wenn dort mich Schlacht umbrüllt.«

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»und, Edler, den ich auserkannt
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Zu meiner Liebe Wacht,
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Hab, wenn ich weit entfernet bin,
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Hab auf mein Röschen Acht!«

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Und nun erseufzte tief der Held,
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Als bräch' ihm ganz sein Herz,
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Und Rosemund' ach! sprach nicht mehr,
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Kein Wort nicht mehr für Schmerz.

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Und freilich konnt' ihr Scheiden seyn
130
Für Beider Herz so schwer,
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Denn seit der Zeit sah Rosemund
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Nie ihren König mehr.

133
Kaum daß der Held fern über Meer
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In Frankreich Krieg begann,
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Kam Königin Lenore schon
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Erbost zu Woodstock an.

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Schaft schnell den Ritter zu sich her,
138
Ach unglücksel'ge Stund'!
139
Er kam von seiner Burg herab,
140
Und hatt' das Fadenbund.

141
Und als er hart verwundet war,
142
Gewann sie das Gebund,
143
Und kam, wo wie ein Engel schön
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Saß Fräulein Rosemund.

145
Und da sie nun mit starrem Blick
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Sah selbst der Schönen Glanz;
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Ob aller Reize Treflichkeit
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Stand sie versteinert ganz.

149
»wirf ab, schrie sie, wirf ab das Kleid
150
So köstlich und voll Pracht,
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Und trink hier diesen Todestrank,
152
Den ich für dich gebracht.«

153
Auf ihre Kniee fiel alsbald
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Die schöne Rosemund,
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Fleht tiefgebeugt ihr alles ab,
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Was sie ihr Leids begunt.

157
»erbarm dich, rief das holde Kind,
158
Doch meiner Jugend zart!
159
Mit solchem strengen Todesgift
160
Straf, ach! mich nicht so hart.

161
Ich will aus dieser Sündenwelt
162
Wo in ein Kloster fliehn,
163
Will, wenn du's foderst, fern verbannt
164
Die weite Welt durchziehn.

165
Und für die Schuld, die ich verbrach,
166
Ob nur aus Zwang verbrach,
167
Straf' ach! mich wie du willt, nur laß
168
Die Todesstrafe nach.«

169
Und mit den Worten rang sie oft
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Und viel die Lilienhand,
171
Und längs das schöne Angesicht
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Kam Thränenstrom gerannt.

173
Doch nichts, ach nichts! besänftigte
174
Die Wuth der Mörderin;
175
Sie stieß, noch kniend stieß sie ihr
176
Den Becher Gift dahin.

177
Zu trinken aus das Todesgift
178
Nahm sie es in die Hand,
179
Erhob ihr tiefgebeugtes Knie
180
Noch zitternd auf, und stand;

181
Und schlug die Augen himmelwärts,
182
Und fleht' um Gnade – ach!
183
Da trank sie aus das strenge Gift,
184
Das bald das Herz ihr brach.

185
Und als der Tod nun voller Wuth
186
Durch ihre Glieder wallt,
187
Da pries noch ihre Mördrin selbst
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Die schöne Todsgestalt.

189
Und als ihr lezter Hauch entfloh,
190
Begrub man ihr Gebein
191
Zu Godstow nah nach Oxfort zu,
192
Wie's noch zu sehn soll seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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