Osterkantate

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Johann Gottfried Herder: Osterkantate (1773)

1
Des Lebens Fürsten haben sie getödtet,
2
Den Heiland Israel's.
3
Sie nahmen ihn und würgten ihn.

4
Der Fromme geht dahin,
5
Und Niemand ist, der es zu Herzen nehme;
6
Der Heilige wird weggerafft,
7
Und Niemand achtet drauf.

8
Aber Deine Todten werden leben
9
Und auferstehn!
10
Erwacht und blüht, Ihr Schlafenden unter der Erde!
11
Sein Thau ist Frühlingsthau. –
12
Allmächt'ger Schauer dringt
13
Durch alle Wesen! – Ringt
14
Das Leben und der Tod
15
Um seinen Fürsten? – Gott
16
Jehovah ruft den Sohn
17
Im Schooß der kühlen Nacht!
18
Vom tiefen Schlaf erwacht,
19
Sieht auf der Held und blickt empor.
20
Wer mag ihn halten? – Durch das Thor
21
Des Lebens zeucht er! Helle Schaaren,
22
Die in dem Arm der Nacht gefangen mit ihm waren,
23
Sie ziehen nach ihm, ihrem Herrn,
24
Wie Sterne nach dem Morgenstern;
25
Sie dringen zu dem Licht hervor!
26
Empor! empor!

27
Thut auf die Pforten, die Thore der Welt!
28
Es zeucht der König der Ehren einher!
29
»wer ist der König?« Es ist der Held,
30
Schrecklich, mächtig, mächtig im Streit.
31
»wie kommt's, Dein Kleid ist roth von Blut?«
32
»ich trat die Kelter, ich trat sie allein,
33
Ich stritt allein am Tage der Schlacht
34
Und ward voll Blut.«

35
Thut auf die Pforten, die Thore der Welt!
36
Es zeucht der König der Ehren einher
37
Und glänzet Heil! Er glänzet Heil!
38
Christ ist erstanden von der Marter alle,
39
Deß soll'n wir Alle froh sein;
40
Christ will unser Trost sein!
41
Kyrie Eleison.

42
Hallelujah! Hallelujah!
43
Deß soll'n wir Alle froh sein;
44
Christ will unser Trost sein!
45
Kyrie Eleison.

46
Wie die fernabgeschiedene
47
Geliebte Sonne sich
48
Nach ihres Frühlings Kindern sehnet
49
Und, wenn in kalter Nacht noch matt ihr Auge thränet,
50
Als Morgenröthe schon den düstern Nebel bricht,
51
Zerreißt den Schleier und wird Licht:
52
So sehnet sich, so stehet der betrübten
53
Maria Jesus nah
54
Und nennt sie und ist da!

55
Und eilt mit jenem Paar, die nach der Ruhe flehn,
56
Ein Wandrer, mitzugehn.
57
Er raubet sanft ihr Herz und athmet fremde Gluth
58
In ihren lechzenden, gesunknen, kalten Muth,
59
Enthüllt sich und verschwindet,

60
Bis er die zehn geliebten
61
Verlorenen zusammen wiederfindet
62
Und Frieden ihnen giebt und haucht sie an mit Geist,
63
Der von der Balsamkraft des andern Lebens fleußt.

64
Er sucht den Irrenden in seiner Zweifel Nacht,
65
Der, wie vom schweren Traum erwacht,
66
Die Hand ihm legt in seine Wunden:
67
»ich habe Dich gefunden!
68
Mein Herr und Gott!
69
Du lebest, ich bin todt.«

70
Und wandelt in des Morgens Frühe
71
Mit seinen Kindern: »Liebt Ihr mich?
72
Der mich nicht kannte, Simon, liebst Du mich?«
73
»allwissender, o siehe
74
Mein Herz! ich liebe Dich.«

75
Auf der Lüfte heil'gem Weben,
76
In der Schöpfung tiefstem Leben,
77
Nahe meines Herzens Sehnen,
78
Nahe meiner Freude Thränen,
79
Siehe, sieh, da ist der Herr!
80
Siehe, sieh, da wandelt er!
81
Süße Stimme ruft im Leiden,
82
Ernste Stimme ruft in Freuden:
83
»liebst Du mich?«
84
Ewiger, wir wollen lieben,
85
Lieben Dich!

86
Ach, Alles, Alles, was ein Leben,
87
Was Seel' und Odem in sich hat,
88
Soll Seele mir und Odem geben;
89
Denn meine Stimme ist zu matt,
90
Die süßen Wunder zu erhöhn,
91
Die ewig, ewig mit mir gehn.

92
O Auferstandener, wo schwebtest
93
Du ungesehn? In welchem Reiche lebtest,
94
Ein König, Du! der Retter der Natur,
95
Die erste, schöne, neuerwachte Blume
96
Auf Gottes Flur!
97
Und trankst der Auferstehung Kraft
98
Für Deinen Kelch der Leiden,
99
Einathmend Himmelsfreuden,
100
Verbreitend überall des ew'gen Lebens Saft!
101
Ich sehe Dich! Dein schönes Kleid
102
Ist Morgenroth in aller Menschen Blicken,
103
Die Hoffnung der Unsterblichkeit,
104
Dein Leib die heilige verborgne Christenheit,
105
Dein Angesicht Entzücken!
106
Ich seh'! Auf Deinem Grabe blüht
107
Des Lebens hoher Baum,
108
An dem in weitem Raum
109
Die Schöpfung sich aus Nacht und Moder zieht
110
Und ewig wächst und ewig blüht!
111
Was tönet aus den Grüften
112
Dort für Gesang hervor?
113
Er steiget zu den Lüften:
114
Das Feld der Todten wird der Auferstehung Chor.

115
Jesus, mein Erlöser, lebt!
116
Ich werd' auch das Leben schauen,
117
Schweben, wo mein Heiland schwebt,
118
Auf des schönen Himmels Auen!
119
Da wird Schwachheit und Verdruß
120
Liegen unter meinem Fuß.

121
Hallelujah!
122
Der Tod ist verschlungen in Siegsgesang!
123
Tod, wo ist Dein Pfeil?
124
Grab, wo ist Dein Sieg?
125
Gelobt sei Gott, der uns den Sieg gegeben
126
Durch Christum, unsern Herrn! Hallelujah!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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