Die Stimme zur Mitternacht

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Johann Gottfried Herder: Die Stimme zur Mitternacht (1773)

1
»wachet, wachet!« ruft die Stimme
2
Der Wächter auf des Tempels Zinne;
3
»wach auf, Du Stadt Jerusalem!«
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Mitternacht heißt diese Stunde;
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Sie rufen uns mit hellem Munde:
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»wo seid Ihr klugen Jungfrauen?
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Steht auf! der Bräut'gam kommt.
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Auf! Eure Lampen nehmt,
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Hosianna!
10
Macht Euch bereit
11
Zur Freudenzeit!
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Ihr müsset ihm entgegengehn!«

13
»ach, wir schlummern All' und schlafen!
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Der Hirte schlummert mit den Schafen;
15
Die Lamp' ist da! wo ist das Licht?
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Wie es war in Noah Tagen,
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Sie aßen, tranken, fern von Plagen,
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Von Strafen fern, und dachten's nicht;
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Wir frei'n und lassen frei'n;
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Die Sorge wiegt uns ein,
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Wurmessorge!«
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»erwacht! Erwacht!
23
In Mitternacht
24
Ein Blitz soll seine Ankunft sein!«

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Falsche Christus und Verräther,
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Vernunft-Verführer, Wunderthäter
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Der Lüge sind das Licht der Welt.
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Meinst Du, daß der Richter werde
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Noch Glauben finden auf der Erde,
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Wenn Wollust sie in Fesseln hält?
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Ihr Hügel, fallet, fallt!
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Der Menschen Herz ist kalt,
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Kalt die Liebe!
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Voll Heuchelei-
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Abgötterei,
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Sieh, ob nicht Alles, Alles sei!

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Schlangen sind der Völker Kronen,
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Und Nationen Nationen
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Zur Geißel statt der Bruderhand;
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Mütter, Töchter, Söhne, Väter
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In
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Zerreißen Blut- und Herzensband!
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Wo meinet Freund und Freund
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Sich bieder? wo vereint
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Pflicht die Herzen?
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Pflicht und Gebet
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An heil'ger Stätt',
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Das ewiglich bei Gott besteht.

49
Ach, wie schlummern All' und schlafen!
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Der Hirte schlummert mit den Schafen;
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Die Lamp' ist da! wo ist das Licht?
52
Mit den Trunknen schläfrigtrunken,
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In Nacht und Wahn und Graus versunken,
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Ach, sehen wir und hören nicht!
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Wer trägt nicht Thieres Bild?
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Wer, dem das Herz nicht füllt
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Erdensorge?
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Ist Mitternacht!
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Erwacht, erwacht!
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Blitzschnell erscheint des Menschen Sohn.

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Meinst Du, wenn der Hausherr wüßte,
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Zu welcher Stund' er wachen müßte,
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Er pflegen würde träger Ruh?
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Sieh, und alle Frommen zagen,
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Verschmachten unter stillen Plagen, –
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Und Alle sehn wir trunken zu?
67
Im Feigenbaume steigt
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Der Saft schon! Knospe zeigt
69
Frühlingszeiten!
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Hebt Euer Haupt!
71
Umlaubt, umlaubt
72
Mit Frühling ist, wer an ihn glaubt.

73
Trunkne Knechte, sieh! sie schlagen
74
Die Brüder Mitknecht', höhnen, plagen,
75
Statt Labung, sie mit Drang und Spott.
76
Meinst Du, daß der König werde
77
Noch
78
Wer ist sich selbst nicht Herr und Gott?
79
»er kommt noch lange nicht!
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Vielleicht kommt gar er nicht!
81
Er kommt gar nicht!
82
Was Alle thun,
83
Will ich auch thun
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Und träumen, prassen, plagen, ruhn!«

85
Herr, wer wird vor Dir bestehen!
86
Wer vor Dein Angesicht zu gehen
87
Erkühnen, wenn die Erd' entflieht!
88
Ach, ein Strohhalm in die Flammen
89
Ist all mein Tagewerk zusammen,
90
Wenn's Liebe aus der Gluth nicht zieht!
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Erlöser, stehe bei!
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Erneuer, mach uns neu,
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Betend, brünstig,
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In Mitternacht,
95
Wenn nichts mehr wacht!
96
Wir schlummern, unser Herze wacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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