Herr, unser Gott, wann kommt Dein Reich?

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Johann Gottfried Herder: Herr, unser Gott, wann kommt Dein Reich? Titel entspricht 1. Vers(1772)

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Herr, unser Gott, wann kommt Dein Reich?
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Wir warten sein so lange!
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Wir beten: »Zu uns komm' Dein Reich!«
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Und ist uns sehnlich bange.

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Der Frevler höhnt, der Spötter lacht,
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Der Fromme seufzt vergebens
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Am Morgen und in Mitternacht:
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»wo bleibst Du, Fürst des Lebens?«

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Du sprachst: »Ich komm', ich komme bald
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Mit großem Lohn und Strafen.«
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Wo ist, wo ist Dein Aufenthalt?
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Die Väter sind entschlafen.

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Sie hofften, seufzten auch, wie wir,
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Und legten sich danieder;
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Wir hoffen, seufzen auch nach Dir,
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Und Du erscheinst nicht wieder!

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Bist Du zu Deines Vaters Hand,
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Wo Du Dein Reich genommen,
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Und siehst nicht mehr Dein Erdenland
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Und kannst nicht wiederkommen?

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Und Deine Lehre wär' ein Traum
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Und unser Wunsch verloren,
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Und wir erstürben wie der Baum?
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O besser, nie geboren!

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Wo sind sie, die Dich je geliebt,
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Für Dich ihr Leben gaben
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Und hofften, die Du hier betrübt,
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Du würdest dort sie laben?

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Sind sie in Deines Vaters Reich,
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In Deinem Freudensaale,
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Und wünschen uns nicht auch zugleich
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Zum ew'gen Abendmahle?

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Der Frevler höhnt, der Spötter lacht,
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Der Böse triumphiret,
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Und Du, Herr, hast noch nicht vollbracht,
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Hast's noch nicht ausgeführet,

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Wofür Du lebtest, littest, starbst
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Und auferstandest wieder
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Und Dir, ein Haupt zu sein, erwarbst!
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Hier sind wir, Deine Glieder!

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Sind ohne Deinen Geist und Kraft
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Verwelkte, todte Glieder;
43
Beleb uns, Himmels-Lebenssaft,
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Und weck, erweck uns wieder!

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Wir fordern nicht, wir wünschen nur:
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Laß unsre Lampen brennen,
47
Und wollst, o Herr der Creatur,
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Uns einst die Deinen nennen!

49
Ob Gott verzeucht, so harre sein,
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Er wird gewißlich kommen!
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Sein Ja ist Ja! sein Nein ist Nein!
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Er hat das Reich genommen

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Und ist zu seines Vaters Hand
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Und kommt, ein König, wieder;
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Und die er nieden sein genannt,
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Sind ewig seine Glieder.

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Er theilt mit ihnen Herrlichkeit
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Und Freudenmahl und Krone
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Und winkt, daß Jeder heut, schon heut
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In seiner Hütten wohne

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Und pfleg' im Himmel Bürgerschaft
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Und bet' und ihm vertraue
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Und herrsche hier in seiner Kraft,
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Bis droben er ihn schaue.

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Gebet und Glaube, Hoffnung, Muth
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Und stilles Thun und Leiden
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Sind uns hienieden Himmelsgut
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Und Vorschmack jener Freuden,

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Die er für uns, für uns erwarb,
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Als, auch von Gott verlassen,
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Er für die Treugeliebten starb,
72
Sie ewig zu erfassen.

73
Und ließ uns hier sein Abendmahl,
74
Sein Wort: »Ich komme wieder!«
75
Und sprach zu seiner kleinen Zahl:
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»lebt, sterbet mir, Ihr Brüder!«

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Wir leben Dir, wir sterben Dir,
78
Dich wieder bald zu sehen;
79
Dir leben wir, Dir sterben wir;
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Dein Wort kann nicht vergehen.

81
Bald, unser Leben, ach! ist bald
82
Ein Nichts, ein Traum verschwunden;
83
Komm bald, Du ew'ger Aufenthalt!
84
Geht hin, Ihr kurzen Stunden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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