Die Pfunde

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Johann Gottfried Herder: Die Pfunde (1774)

1
Ein Edler zog fern über Land,
2
Daß er sein Reich einnähme
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Und dann, gekrönt mit Sieg und Huld,
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Ein Vater wiederkäme.
5
»wem soll ich meinen Schatz vertraun?«
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Sprach er zu seinen Treuen.
7
»nehmt, handelt! und ich komme bald;
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Es soll Euch nicht gereuen!«

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Sie handelten; er kam noch nicht,
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Ein Theil ward matt und müde.
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»und kommt er denn? Er kommt noch nicht!«
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Sie schlummerten in Friede.
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Er kam! Auch in der Ferne war
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Sein Herz tief an den Treuen.
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»legt dar nun,« sprach er, »Pfund und Pfand!
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Es soll Euch nicht gereuen!«

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Mit Freuden trat der Erste dar,
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Für
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»hier, Herr, ist Deiner Güte Pfand,
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Und was ich Armer funden.«
21
»dank, treuer Knecht, im Kleinen schon
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So großer, reicher Treue!
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Komm, König über Länder zehn,
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Zu Deines Herren Freude!«

25
Demüthig trat der Andre dar,
26
Für
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»hier hast Du, Herr, Dein edles Pfand;
28
Wie wenig hat es funden!«
29
»dank, Treuer, im Geringern schon
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So großer, reicher Treue!
31
Herr über fünf der Länder, komm
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Zu Deines Herren Freude!«

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Mit Beben naht' der Dritte sich,
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In Trotz verhüllt sein Beben.
35
»herr,« sprach er, »nimm Dein Pfund und Pfand,
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All, was Du mir gegeben!
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Ich kannte Dich wol, harten Mann,
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Der erntet ungesäet
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Und fremden Schweiß und saures Gut
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Auf 's Armen Aue mähet.

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Drum hatt' ich, Dir zu wuchern, Zorn;
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Hier, Harter, ist das Deine!
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Die sichre Erde barg es Dir;
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Dies Schweißtuch ist das Meine.«
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»dein Mund spricht selber Dir Gericht,
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Untreuer meiner Knechte;
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So wußtest Du mich harten Mann,
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Und wie so hart ich rechte,

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Und übtest nicht, was Du gewußt,
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Knecht, Deines Herren Willen,
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Des harten Herren letztes Wort
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Mit Wucher zu erfüllen?
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Nehmt hin von ihm sein treulos Pfand!
54
Dem Reichsten sei's gegeben.
55
Wer nicht hat, büße, was er hat;
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Wer hat, dem wird gegeben.«

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Zwo Stufen gehn auf und hinab
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Zum Himmel und zur Hölle:
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Wer hat, gewinnt bis auf zum Thron;
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Wer nicht hat, seine Stelle
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Sinkt immer tiefer, tiefer ab.
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Herr, laß mich Deiner Gaben
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Geringste brauchen treu und ganz,
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Und ich werd' Alles haben.

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Der Engel, der die Perlen flicht
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Zu unsrer Siegeskrone,
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Der ist es, der die Thränen zählt
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Und sammelt uns zum Lohne;
69
Was wir im Dunkeln hier gesä't
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Und hielten längst verloren,
71
Das blüht dort Ernte tausendfach,
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Mit uns dann neugeboren.

73
O Wahrheit, Wahrheit, Ewigkeit!
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Du reifst in Dorn und Blume;
75
Das Staubkleid fällt, das Alles hier
76
Vertäuscht zu Hohn und Ruhme.
77
Gewissens-Pflicht-Vergeßlichkeit,
78
Du feige Heuchlerhülle,
79
Hin, hin bist Du! Wie dränget sich
80
Auf uns der Wahrheit Fülle!

81
Verleumder, Feinde, Neider, wo,
82
Wo sind itzt Eure Schatten?
83
Seht, wie sich Licht und Wahrheit liebt,
84
Und Treu und Huld sich gatten!
85
Zu Freunden drängt sich Freund und Freund,
86
Die Gleiches hier erlitten,
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Erwünscht, gewirkt, verloren und –
88
Und sich die Kron' erstritten.

89
Hier trennten Nacht und Nebel sie,
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Jahrhunderte und Lande;
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Dort Alle Glieder, Brüder nun
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An
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Ihr Wille fleußt wie Sonnenlicht
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Aus aller Welt zusammen;
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Zusammenflammt da ihr Gebet,
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Ihr Mühn in hellen Flammen.

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Elias, Moses werd' ich sehn
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Mit ihren tausend Pfunden,
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Und Paulus, Luther vor mir stehn
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Mit ihren hundert Pfunden.
101
O, legt' ich freudig schüchtern dann
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Nach Euch mein Quentlein nieder
103
Und fände, grüßte, fühlt' Euch dann
104
Mir Väter, Freund' und Brüder!

105
»du locktest und Du hobest mich,
106
Warst bei mir im Gebete,
107
Du strafetest, Du halfest mir,
108
Daß freudig vor ich trete!
109
Ich dank' Euch meine Seligkeit,
110
Ihr schön verkannten Seelen!
111
Wir sind itzt Glieder, Brüder nun
112
Und sind es sonder Wählen.«

113
Herr, Seligkeit und Himmel liegt
114
In jeder Deiner Gaben;
115
Wer neidet und verscharret sie,
116
Verdient er, mehr zu haben?
117
Wer treu ist, Alles hat er schon.
118
Daß ich mich ewig freue,
119
O Geber, und mir Alles sei,
120
Gieb mir im Kleinsten Treue!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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