Die Sünde

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Johann Gottfried Herder: Die Sünde (1772)

1
Wer war ich, als mich Deine Hand
2
Zum Menschen kam zu bilden!
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Ein Erdenkloß, mein Vaterland
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Ein Staub auf Staubgefilden!
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Da kam Dein Finger, Herr, und fuhr
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Um meine Glieder; seine Spur
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Schuf in mich Bildsamkeiten.
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Da kam Dein Odem, und der Thon
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Ward durch Dein Leben, Gottes Sohn,
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Voll Lebensregsamkeiten.

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Was spiegelt uns die Sünde vor?
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Macht unsern Ruhm zu Leide!
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In Lust wird unser Aug' ein Thor,
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Spricht uns von Vaters Neide,
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Von Neide Deß, der Alles giebt,
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Wird fremde Dem, der Alle liebt,
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Traut ihm nicht, und – der Schlange!
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»sie ißt, die Schlange? – sie allein.
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So werd' ich Gott und Göttin sein,
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Wenn ich, wie sie, dort prange.«

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Gewollt, ach schnell gethan, bereut,
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Bereut mit Furcht und Zittern!
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Da kommt der Gott der Freundlichkeit;
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Kommt er in Ungewittern?
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Im Abendsäuseln kommt der Herr,
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Ruft linde seine Schuldener,
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Sie gnädig zu verschonen;
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Er frägt, er hört als Vater sie,
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Für Sünde will er sie mit Müh
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Und neuer Wohlfahrt lohnen.

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Barmherzig doch, auch wenn er straft,
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Auch noch sein Fluch ist Segen!
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Ein harter Segen, aber noch
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Zum Wohl auf unsern Wegen.
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Dem Menschenvater wird sein Brod
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In Schweiß und Kummer, Müh und Noth,
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Daß es ihm schmackhaft werde.
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Tod wird sein Urtheil; aber Tod,
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Der Retter nur von Müh und Noth;
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Wird Erde, sanft zur Erde.

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Auch wenn er straft, barmherzig doch,
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Sein Fluch ist schwerer Segen!
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Ein harter Segen, aber noch
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Zum Wohl auf unsern Wegen.
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Der Menschenmutter wird der Schmerz
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Zur Freude, daß ihr Mutterherz
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Mit Sieg ihr Kindlein herze;
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Dem Manne wird sie unterthan,
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Daß treu und stark und fest am Mann
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Sie Lebensleid verschmerze.

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Auch wenn er straft, barmherzig noch,
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Auch noch sein Fluch ist Segen!
53
Ein harter Segen, aber noch
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Uns noth zu unsern Wegen.
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Da kleidet Gott sein nacktes Kind.
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Ihr Hüllen, die mein Elend sind,
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Das Denkmal meiner Schande,
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Seid Hüllen der Barmherzigkeit;
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Mein Land voll Arbeit, Müh und Leid
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Wird mir zu Gottes Lande!

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O Cherub, steh mit Deinem Schwert,
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Mein Eden zu bewahren!
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Dein Blick, der mein Gebein durchfährt
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Mit tausend Flammenschaaren,
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Er winkt mir, daß ich aufwärts seh',
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Zum Paradiese höhrer Höh,
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Was nie sich kann verlieren;
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Da wird in neuen Jugendraum,
69
Da wird zum neuen Lebensbaum
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Mein Bruder hin mich führen!

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Da bin ich, was ich dort nicht blieb,
72
Dem Vater Kind der Liebe;
73
Dem trau' ich (denn er hat mich lieb),
74
Trau' ihm mit Kindestriebe.
75
Da kommt mein erster Jugendtraum
76
Der Unschuld und des Lebens Baum,
77
Ein schöner Eden, wieder!
78
O Bruder, bring mich in Dein Reich!
79
Den Kindern und den Engeln gleich,
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Sing' ich Dir Kindeslieder

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Und seh' auf Dich und bleibe treu
82
Und koste nicht vom Baume
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Und weiß nicht mehr, was Sünde sei;
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Und der vom Jugendtraume
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Geliebte Rest wird Wahrheit mir.
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Lamm Gottes, läutre mich zu Dir,
87
Zu Dir von jener Schlange,
88
Die in sich krumm, daß ich wie Du
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In Unschuld, Lieb' und Gottesruh
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Des Lebens Frucht empfange!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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