Die Schöpfung

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Johann Gottfried Herder: Die Schöpfung (1773)

1
Auf, Ihr Sinnen, und erwacht
2
Aus des Schlafes Mitternacht!
3
Auf zu jener Gotteshöh,
4
Daß ich seine Schöpfung seh'!

5
Nacht und Grausen ist um mich,
6
Nacht und Grausen regte sich.
7
Dort auf wüstem dunkeln Meer,
8
Da webt' Gottes Geist daher.

9
Und er sprach: »Sei Licht!« Das Licht
10
Strahlt' aus Gottes Angesicht
11
In die dunkle Mitternacht,
12
Wie es dort im Ost erwacht!

13
Licht! o Morgenlicht! o Du
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Heil'ger Strahl voll Gottesruh
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Und voll Gottes reger Kraft,
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Kraft, durch die er Alles schafft!

17
Leben, Freude, Wonne, Blick,
18
Herz, Gedanke, That und Glück,
19
Gottes Wort und Angesicht
20
Spricht und strahlet uns im Licht!

21
Licht, o Du Gedankenmeer,
22
Ach, wo nehm' ich Farben her,
23
Dich zu malen, wie Gott malt
24
Und in unsre Seelen strahlt!

25
Licht, o Du der Freuden Meer,
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Wo, wo nehm' ich Worte her,
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Auszusprechen, wie Gott blickt
28
Und der Menschen Herz entzückt!

29
Licht im Menschenangesicht,
30
Christus-Auge, Gotteslicht!
31
Menschenherz, Du Feuermeer,
32
Wallend Gottesgluth daher!

33
Licht in Thaten, Licht im Schau'n,
34
Licht im Hoffen, Licht im Trau'n!
35
Licht, was Sam' und Leben heißt,
36
Aller Schöpfung Lebensgeist,

37
Wirkgeist, Freudengeist! O Licht,
38
Strahl von Gottes Angesicht,
39
Seines Sohnes Zeugungsbild,
40
Das dies All mit Engeln füllt!

41
Sie durchwandeln, kreuzen sich,
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Sie durchstrahlen mich und Dich,
43
Wärmen, schaffen, sterben nicht,
44
Welt, voll Gottes Angesicht!

45
Sieh hinauf, da bläuet sich
46
Hoch der Himmel; sichtbarlich
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Geht er dort aus Meeresduft,
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Spinnet sich zu Morgenluft.

49
Zart Gewebe! blaues Gold!
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Gottes Stirn, wie hoch und hold,
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Unabsehlich tief und weit
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Wölbt sie sich mit Herrlichkeit!

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Und hier unten – Erde geht
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Aus der Tiefe. Seht, da steht
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Meeresabgrund, und Gott spricht
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Sichtbar: »Hier und weiter nicht!«

57
Und die Wolken sind ihr Kleid;
58
Eingewindelt weit und breit
59
Hat er sie mit Wellenmacht,
60
Fest gebürgt auf Wellenmacht.

61
Gottesberg, der Menschen Land,
62
Wie erhob Dich seine Hand!
63
Und welch neues Blumenheer
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Tritt dort auf sein Wort daher!

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Lichtesstrahl und Meeresduft,
66
Gottesgeist und Lebensluft,
67
Wie so sein Ihr Euch schon regt,
68
Daß die Schöpfung Blumen trägt!

69
O daß ich mich ganz und gar,
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Erstgeborne Brüderschaar,
71
In Euch fühlt' und auf einmal
72
Dort vor jenem Morgenstrahl

73
Euch umarmt'! O gebet mir,
74
Ihr, der Erde Kraft und Zier,
75
Leiht mir Euer Lustgefühl,
76
Leiht mir Euer Farbenspiel!

77
Tränket mich mit Lebensduft!
78
Denn Ihr keltert Gottesluft,
79
Keltert Gottes Sonnenstrahl,
80
Wie er Euch zu thun befahl,

81
Und erfrischt die todte Luft
82
Neu mit Gottes Lebensduft
83
Und kocht Allem, was da lebt,
84
Odem, dem Ihr Frischung gebt!

85
O Du Gottes Herrlichkeit,
86
Du der Erde schönes Kleid,
87
Zart Gewand, wo Alles webt
88
Und zu höherm Leben strebt!

89
Nieder fall' ich, heil'ge Au',
90
Nieder in den Morgenthau;
91
Da träuft seiner Güte Spur.
92
Ach, wie feiert die Natur!

93
Stiller Gottestempel! Kaum
94
Daß im weiten Morgenraum
95
Dort vor Dir, o Gottesbild,
96
Ein und noch ein Lüftchen spielt.

97
Herz, o werde Deinem Gott,
98
Wie vor jenem Morgenroth
99
Dieser Tempel! Jugend sei
100
Wie dies Weltall still und frei

101
Und voll reger Gotteskraft,
102
Die im Ruhn hier Alles schafft!
103
Wie arbeitet sich hervor
104
Sonne aus dem Morgenflor!

105
Sonne, Meer der Herrlichkeit!
106
Sie erfüllet weit und breit
107
Alles mit Posaunenklang,
108
Mit Triumph und Festgesang!

109
Sonne! Wer, der Dich erfand,
110
Ballte und mit kühner Hand
111
Dich in jene Laufbahn warf,
112
Wo Dein Fuß nicht gleiten darf?

113
Sonne! Sieh, mit Riesenschritt
114
Kommt der schöne Jüngling, tritt
115
Wie ein Bräut'gam an die Bahn,
116
Und die Erde lacht ihn an,

117
Seine Blumenbraut. O Braut,
118
Wer, der Dich ihm anvertraut?
119
Daß, wenn er Dich neu umarmt,
120
Daß Dein kalt Gebein erwarmt!

121
Leben ringet und gebiert
122
Tausend Leben! – Sieh, da führt
123
Schon ein buntes Vogelheer
124
Unser Sonnenjüngling her.

125
Wie sie singen! schwingen sich
126
Auf den Lüften! Freue Dich,
127
Zartes, reges Sängerchor,
128
Und erfüll der Schöpfung Ohr!

129
Du, ihr vielfach Saitenspiel,
130
Tiefbelebt mit Lustgefühl,
131
Jeder Vogel seiner Art
132
Eine Sait'. Die Schöpfung ward

133
Hier nur Gottes Lustklang, und
134
Unten regt der Meeresgrund
135
Andre Fittige. Da schwimmt
136
Wasservolk, noch nicht gestimmt

137
Zu der feinern Wasser Chor.
138
So sind wir im Engelohr,
139
Was der stummen Fische Schaar
140
Jenem Luftgefieder war.

141
Noch umgiebt uns Ocean
142
Grober Wasser. Unsre Bahn
143
Ist noch nicht, wo jenes schwimmt
144
Und der Sonn' ihr Liedlein stimmt.

145
Noch ist unser Fittig schwer,
146
Und doch schweben wir im Meer
147
Voll von Gottes Freundlichkeit,
148
Der's erfüllet weit und breit.

149
Sieh, dort wimmelt Meeresschooß!
150
Sieh, dort reißt ein Berg sich los!
151
Leviathan speit ein Meer,
152
Schwimmt, ein lebend Land, daher!

153
Sieh, hier wimmelt Erdenschooß,
154
Hier auch reißt ein Berg sich los!
155
Behemoth und Elephant,
156
Wunderbau von Gottes Hand!

157
Königthier! Wie unbemüht,
158
Groß zu scheinen! sieh, er kniet
159
Vor der Sonne, betet an;
160
Fühlt er ihren Strahl etwan?

161
Fühlst Du Gott? und bist das Ziel
162
Seiner Schöpfung? Voll Gefühl,
163
Feiner fast als Menschenhand
164
Und voll Ruh und voll Verstand?

165
Nein, o nein! Du nicht das Ziel
166
Seiner Schöpfung, nur Gefühl,
167
Wie es dort den Löwen füllt,
168
Der, auch Fürst, im Walde brüllt;

169
Wie es dort im Adler blickt,
170
Der, auch Fürst, die Luft durchzückt;
171
Wie's im Walfisch sich dort regt,
172
Der, auch Fürst, sein Reich bewegt!

173
Nein! die Schöpfung, jetzt am Ziel,
174
Harret, schweigt noch! Ihr Gefühl
175
Wandelt in sich und vermißt,
176
Was Geschöpf und Schöpfer ist;

177
Suchet Einen, der mit Geist
178
Schmeckt und, was er ist, geneußt,
179
Suchet, der mit Gottes Blick
180
Alle Schöpfung strahlt zurück,

181
In sich, von sich; und selbst sich
182
In sich strahl' und väterlich
183
Von sich strahl' und walte frei
184
Und wie Gott ein Schöpfer sei!

185
Sieh, den suchet, jetzt am Ziel,
186
Gottes Schöpfung, wirft Gefühl
187
In sich deß, was sie vermißt,
188
Und der Mensch – der Gott – er ist!

189
Neu Geschöpf, wie nenn' ich Dich?
190
Gott der Schöpfung, lehre mich!
191
Doch ich bin, ich bin es ja,
192
Dem dies Gottesbild geschah!

193
Ich – wie Gott! Da tritt in mich
194
Plan der Schöpfung, weitet sich,
195
Drängt zusammen und wird
196
Endet froh und jauchzt:

197
Ich – wie Gott! Da tritt in sich
198
Meine Seel' und denket mich!
199
Schafft sich um und handelt frei,
200
Fühlt, wie frei Jehovah sei.

201
Ich – wie Gott! Da schlägt mein Herz
202
Königsmuth und Brüderschmerz;
203
Alles Leben hier vereint,
204
Fühlt sich liebend Aller Freund!

205
Fühlt sich Sinn voll Mitgefühl
206
Bis zur Pflanze, bis zum Ziel
207
Aller Menschengöttlichkeit,
208
Feint sich liebend weit und breit,

209
Immer tiefer, höher. Ich
210
Bin's, in dem die Schöpfung sich
211
Punktet, der in Alles quillt,
212
Und der Alles in sich füllt!

213
Bis zur letzten Schöpfung hin
214
Fühlet, tastet, reicht mein Sinn!
215
Aller Wesen Harmonie
216
Mit mir – ja, ich selbst bin sie!

217
Bin der
218
Der aus allem Lustgesang
219
Aller Schöpfung tönt' empor
220
Und trat ein in Gottes Ohr

221
Und ward Bild, Gedank und That
222
Und ward Mensch. Der Schöpfung Rath,
223
Mensch, ist in Dir! Fühle Dich,
224
Und die Schöpfung fühlet sich!

225
Fühle Dich, so fühlst Du Gott
226
In Dir. In Dir fühlt sich Gott,
227
Wie ihn Sonn' und Thier nicht fühlt,
228
Wie er – sich – in sich – erzielt!

229
Schweig, o hohe Harmonie
230
Meiner Seelenkräfte! sie
231
Faßt die Welt nicht. Gottes Bild
232
Tief verhüllt und tief enthüllt,

233
Was ich bin. Da wölbst Du Dich,
234
Meine Stirn, so breitet sich
235
Jener Himmel, schaut ihn an
236
Gottes Licht und Wolkenbahn!

237
Und was dies mein Haupt versteckt,
238
Ist im Himmel dort verdeckt;
239
Und was dies mein Auge spricht,
240
Spricht Jehovah's Angesicht.

241
Leben athmet hier und Geist,
242
Der Jehovah's Odem heißt.
243
Sprache schaffet dieser Mund;
244
So schuf seines Herzens Grund

245
Gott im Worte für uns hin!
246
Und so tief als Gottes Sinn
247
Reicht auch menschliche Natur
248
Immerdar

249
Uns ein unerschöpflich Meer!
250
Ewigkeiten strömten's her,
251
Ewigkeiten strömten's hin,
252
Was Gott ist, und was ich bin.

253
Gottes Bild in Wort und That,
254
Menschenbild in Gottes Rath,
255
Mittler, Schöpfer, Pfleger bist
256
Du in Allem, Jesus Christ!

257
Erster, Letzter! – Doch hier schweigt
258
Meine Zunge! Abgrund zeigt,
259
Segensabgrund mir Dein Wort
260
Nun und ewig, hie und dort.

261
Eins in Allem, All in Ein
262
Warst und bist und wirst Du sein,
263
Du, aus dem die Schöpfung quillt,
264
Du, in Allen Gottes Bild!

265
Der sie schuf und durch sein Bild
266
Sie verwandelt, läutert, füllt,
267
Auftreibt, segnet und in sich
268
Einst zurückzieht! Freue Dich,

269
Schöpfung und Du Menschenbild,
270
Wirker Gottes, das sie füllt
271
Und verwandelt! – Groß bist Du,
272
Mittelpunkt in Gottes Ruh!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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