Magnalia Dei

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Johann Gottfried Herder: Magnalia Dei (1764)

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Ich singe Gott! Jehovens Rath und That!
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Euch Himmeln, Erde, Dir erzähl' ich Gottes Ehre.
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Singt, Sphären! singt mir vor! Du hörtest, höchste Sphäre,
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Doch nur von fern des Ew'gen Rath!
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Und singst. – Und, Erde, steh! und ruh – und höre,
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Was Gott für Dich beschloß und that! –
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Er singt – sie schweigt – noch brausen Höllenmeere,
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Verstummt vor Gott. – Erzittre, Höll', und bebend höre,
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Was wider Dich Jehovah sprach und that!
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Es wird still! – Ich singe! – Ich?
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Bin ich Engel, der von Gottes Rath
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Den tiefsten Widerhall nur rauschen hörte – Ich?
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Halb Nichts, halb Staubkorn – ja, ich singe – und ganz Erde?
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Mit Feuer aus der Höhe taufe mich!
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Dein Geschöpf, Dein Kind,
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Ja Erde ganz! – doch Dein Geschöpf, Dein Christ, Dein Kind,
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O Schöpfer, Vater, Mittler, mich! – Dann werde
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Ich hoch zu Dir entzückt und singe Dich!

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Gott war! Fleuch, mein Gesang, empor! –
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Gott war! um ihn nur Endliches, Nichts! –
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Allgegenwärtig Nichts! wer kann es malen!
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Wer blickt in diesen Tod des Lichts?
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Wer herrscht? Gott herrscht auch übers All des Nichts. –
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Er spricht! – sein Schöpfershauch bebt durch die Wüsten
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Des Undings – ruft das Sein hervor!
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Des Chaos Nacht blinzt schon von seinen Strahlen –
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Sie blinzt und sieht zum Licht! –
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Noch schafft sein Licht! – doch einst! – Jehovah spricht –
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Sie blinzt – es zittern ihre feinsten Strahlen –
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Und sterben! Sie ist Nacht – Gott ruft das Sein ins Nichts!
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Und Gottes Allmachtshauch bebt durch die ew'gen Wüsten
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Des neugeschaffnen Nichts!
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Du schufst's – o Gott! – Du, Dir selbst ewig g'nug!
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Warum schufst Du? – Mensch, neige Dich zur Erde!
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Gott spricht: »Es sei der Mensch, er werde
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Ein Bild, uns gleich!«
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Für mich, ein denkend Nichts, schufst Du des Segens Reich?
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Der Schöpfung Plan, wer kann ihn übersehn? O nein!
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Ein Punkt des Ganzen! Aus dem Mittelpunkt
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Sieht auch der Punkt sich selbst; das All zu übersehn,
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Muß ich kein Theil des Alls – selbst Schöpfer sein!
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Es sah und sieht Dein Gottesblick, wie Myriaden
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Der Wesen, die nicht Zeit, nicht Maaß, nicht Kraft ausmißt,
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Vom halben Nichts zu Dem, der voll vom Anschaun ist,
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In Deinem Glanz sich, Lichtmeer, baden!
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Durch Dich zu fühlen und Dir Dank, durch Dich gefühlt,
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Von diesem empfindungshell Dir Dank aufblicken,
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Jauchzen, daß Gott sei: das siehst Du.
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Göttlich fühlest Du Dich als Quell
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Des Daseins aller Myriaden –
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Und Alles jauchzt, wenn Du Dich fühlst.
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Der Seraph nennt Dich neu und fühlt Dich neu!
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Der Christ wird Engel, und der Mensch ein Christ,
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Der Engel Seraph, und weil Du, Gott, Vater bist,
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Auch ich fühl', daß ich göttlich sei! –
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Ich göttlich? Gottes Bild?
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– – – – – – – – – – – – –
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– – – – – – – – – – – – –
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Noch dacht' ich nicht, schon fühlt' ich wider Gott;
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Kaum lallte ich, da glüht' mein Auge schon
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Von Rache wider ihn – der Geifer flog umher.
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Da ich des Schöpfers Luft kaum saugen lernte,
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Da nervenlos die Hand kaum greifen lernte,
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Da thürmten Riesengedanken schon
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Auf Sünde Sünde, Ossa auf den Pelion,
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Und stürmten zu der Gottheit Thron.
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Und Gott – blitzt? donnert er mich unter Berg' und Klüfte
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Zur Hölle, die er neunmal tiefer gräbt? –
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Die Feindeshand, da sie Dir widerstrebt',
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Da hieltest Du sie, nahmst und legtest mich
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Als Kind sanft nieder, sprachst: »Nun siehe Dich! –
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Du Wurm im Blut! und ewig lieb' ich Dich,
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Ja ewig, ewig!« Ueber allen Kreis der Zeit,
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Hoch durch den Geiststrom aller Sonnenmeere
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Schwing Dich, mein Geist, zur Ewigkeit!
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Zum Richterthron, zum Friedensrath!
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Hin über alle Zeit! – –
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Gott sah mit hohem Blick durch der Aeonen Heere –
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Ein großer Weltriß – tief zu unserm Erdball,
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Wie er als Eden blüht, des Lebens Atmosphäre
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Lichtströmend ihn umfleußt, wie aller Segen Heere
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Sanft auf ihm ruhn, und Tugend blüht,
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Und jeder Sonnenstrahl von Wonne glüht,
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Und Götter auf ihm wohnen! –
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Gott sah's und fühlt's und wollt's. Er ward, der Erdenball.
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Doch wie so schnell verblüht? da Todesatmosphäre
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Ihn pestig schwarz umfleußt, und Plagenheere
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Vielklauicht auf ihm ruhn, und Bosheit blüht,
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Und Satans auf ihm wohnen! –
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Gott sah's, ward Richter – richtete und schwieg.
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Sein Blick sprach Zorn, und sieben Donner lallten
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Zurück. Da hoben alle Engelsthronen sich aus und sanken,
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Alles sah und schwieg!
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Da sprach der Sohn, des Richters Sohn: »Ich bin,
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Wie Du Gott, Mensch wie sie!
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Will Richter und Versöhner sein!« und schwieg.
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Des Herren Wink sprach
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Des Zornes Donner nach das Ja!
99
Da fühlten sich die Thronen
100
So endlich, als sie wurden, und sanken hin.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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