Zweites Selbstgespräch

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Johann Gottfried Herder: Zweites Selbstgespräch (1765)

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Wer bin ich? Alles erwacht in mir! mein Geist! –
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Höhen – Tiefen! – ich schaudre! – die nur Gott durchmißt! –
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Dunkel liegt mein Grund! – Leidenschaft durchfleußt
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Ihn unendlich und braust! – braust! – Geist, Du bist
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Eine Welt, ein All, ein Gott, Ich! –
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Nein! aufrecht stehn und denken will ich mich!
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Du jeder mein Gedank, des stärksten Selbsttriebs Blut
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Und jede Nerv sei Kraft und jede Ader Gluth,
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Daß ich mich fühlen, fassen, lenken kann!

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Es schläft in mir! Im Schooß des Chaos schläft
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Welche Gedankenwelt!
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Um
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Sich in der Ferne Schatten. Es schläft
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Um mein Jetzt die Asche von Vergangen,
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In ihr der Keim der ganzen Künftigkeit.
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Wie keimt im Todtenkrug die Asche von Vergangen
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Zum Keim der Künftigkeit!

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Wolkenhoch erwach' ich am Segel, und unter mir
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Ruht ein Ocean! doch in den hohlen Tiefen
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Donnert herauf Neptun. So steigen hier
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Gedanken empor; es rauscht das Feld in mir
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Von Todten, die sich ins Leben riefen.

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O, spräch' ich: »Sei!« und meine ganze Welt
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Erstünde mir, dem Gott, so! welche Millionen!
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Der Zoll der ganzen Schöpfung, tief versenkt
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Ins Meer der Nacht! So ruht das Gold, umschränkt
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Von Acherons, von Cerbers rings umbellt,
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Da Alpen, Klüfte, Plutons auf ihm thronen!
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So ruhn im Meere Schätze Millionen,
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Der Raub der Indiens, im Schiffbruch, ach! ertränkt!
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So schlummert unter Eis und Schneesthronen
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Des Frühlings bunte Blumenwelt!
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Wer ruft Dich, Frühlingswind, der mich von Banden
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Enteist! O welche Sonne gebiert
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Aus mir ein Tempe und weckt ein hohes Aehrenheer,
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Wie Riesen aus Jason's Saat entstanden!
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Entwälzt kein Hercules die Felsen mir und entführt
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Der Hölle mein Gold! Wer spricht zum Meer:
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»gieb Deine Todten her!«
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Und kann ich selbst nicht, selbst mir Hercul sein?
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Er, der den Cerber speiend, die Allmachtskeule
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Gefaßt, im Löwenschmuck
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Voll Hyderblut erschien und Ruh und Säule
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Und Kampf Olympens nachließ; denn es trug
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Den Pappel-, Oel- und Lorbeer-Neugekrönten
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Die Wolke himmelwärts,
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Und dunkler Götterblitz im Auge des Verhöhnten
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Nahm Junons ganzes Herz
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Und Pindar's Geist, der seinen Spuren
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Voll Trotz sich, Adler, nachschwang! –
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Wie Shakespeare, der aus Wildnißfluren
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Im Räubersbart zu Göttern drang;
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Denn er grub ins Menschenherz, zur Höllengluth
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Erschüttert, Simson, seine Tempelsäulen,
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Er, fast sein Schöpfer. Und sein Schöpferstab
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Spricht hier ein Feenreich, dort Wildnisse, die heulen.
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Das war er! und Mensch! – Mensch? und ich knie' vor Dir!
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Ich knie'! Ja, weinen will ich Blut
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Mir, nicht Dir! – und schwören mir,
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Nicht Shakespeare, ich zu sein. Fallt ab,
61
Fesseln der Feigheit, ab!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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