Der erste Nachtigallen-Ausflug

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: Der erste Nachtigallen-Ausflug (1770)

1
Der Tag kaum durch die Wolken drang,
2
Als schon die junge Nachtigall
3
Im Neste zarten Flügel schwang
4
Und sang mit Freudeschall:

5
»heran, willkommen, schöner Tag,
6
Der endlich mich ins Freie ruft,
7
Mir endlich, die so lang' hier lag,
8
Zuerst verleihet Luft!

9
Werd' heut zuerst die Welt durchwehn
10
Und singen hoch auf freiem Baum,
11
Viel neuer Art Gespielen sehn
12
Und neuen Wunderraum.«

13
»trau nicht,« sprach Mutter Nachtigall,
14
»trau nicht, o Kind, dem Wunderraum!
15
Es giebt auch treulos süßen Schall
16
Und Körnchen unterm Baum,

17
Die uns ein Volk hinstreuet klug
18
Und trüglich singt als Nachtigall,
19
Streut Körner aus voll List und Trug
20
Und lockt mit süßem Schall

21
Und macht uns Fuß und Flügel fest
22
Und dann uns ein in Kerker schließt,
23
In Kerker, mehr als Kluft und Nest,
24
Als Winter ärger ist.

25
Bist da in Wüsten, Fels und Stein,
26
Bist schwester-, gatte-, mutterlos,
27
Siehst keinen Baum, siehst keinen Hain –
28
Und schmuck- und federlos;

29
Die Stimme stirbt Dir, Lied und Schall,
30
Schwingst nie die freien Flügel mehr!«
31
»ach Mutter!« sprach die Nachtigall,
32
»du zögerst auch zu sehr!

33
Bin ja kein Kind mehr, bin so klug
34
Als jede, jede Nachtigall.«
35
»beginn nur, Liebe, Deinen Flug!«
36
Und schlug mit Freudenschall

37
Die Flügel! »Nur entferne nie,
38
Entfern, o Kind, Dich nie von mir!«
39
Sie flog: die junge Neugier, sie
40
Flog kaum noch hinter ihr,

41
Als schnell schon Wunder an sie zog;
42
Es sah so bunt und war ein Netz
43
Und lag voll Kornes. Schnell hinflog
44
Sie ab, seitab, ins Netz.

45
Die Mutter kommt. Um Fuß und Haupt
46
Liegt tödtlich, ach! ihr Kind verstrickt;
47
Sie schwirrt umher, kann, kindberaubt,
48
Nur jammern, ach! und pflückt,

49
Pflückt angstbetäubt am Netze – zieht
50
Des Todes Netz nur fester zu.
51
Todt sinkt ihr Frühlingskind! Sie flieht
52
Und flüchtet neu herzu

53
Und weinet. – Kinder, kennten sie
54
Der Eltern liebevolles Herz
55
Und früher Lehren Treue, nie
56
Vergrämten sie zu Schmerz

57
Sich selbst – und die's so wohl gemeint,
58
Sie mit so vieler Liebemüh
59
Erzogen! – Sieh, die Arme weint,
60
Und – ach, da sinket sie!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.