Sie waren von der Welt verkannt

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Johann Gottfried Herder: Sie waren von der Welt verkannt (1770)

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»er ruft Elias!« O Freund, o Freund, da stehn
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Sie ums Kreuz in dunkler Hülle! verstehen's nicht!
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Horchen in dunkler Hüll' und spotten
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In ihrem Dunkel: »Er ruft Elias!«

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O Freund, o Freund! sie verstehn uns nicht
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In ihrer Hülle! da stehn sie, horchen
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Und schreien, als ob wir, Thoren, Elias hofften,
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Und Gott hab' uns verlassen!

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Er hat uns nicht verlassen! verkannt,
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In Spott verstorben, am Kreuz verstorben!
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Und käm' auch keine bessere Nachwelt,
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Er versteht uns.

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Und säh's auch bessere Nachwelt nie!
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Er ist's, der uns mit Preis der Engel krönt,
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Daß wir am Tage der Noth Gebet und Flehn
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Und stark Geschrei und Thräne geopfert.

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Er weiß, es war nicht Menschenangst,
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Nicht Tod des Leibes! der arme Tod!
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Da wir vorm Schicksalskelche zagten,
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Uns einsam fühlten in der Welt,

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Und Menschenruhe störten, war nicht Menschenhaß.
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Da wir sie schwach Geschöpf erkannten! 's war
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Menschliche, freundliche Thräne,
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Da wir aus Träumen, ach! einsam kamen

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Und suchten und fanden Menschen und weinten;
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Sie verstanden uns nicht! das hohe Graun der Nacht
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Mit ihren Schöpfungs-Mitternachtsgedanken,
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Sie verstanden's nicht und wandten sich:

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»mitternacht ist zur Ruhe geschaffen!« und schliefen neu!
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Wir gingen einsam fürder; es kam
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Ein Tröstungs-, kam ein Labungsengel,
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Unserer Seele geschaffenes Bild kam,

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Und wollte trösten! Freundverlassene! Weltverkannt!
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Da kam der falsche Freundeskuß mit Heer
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Und Fackel und Spieß und Unschuldsfessel! das tröstete!
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Die Unschuldsfessel und falscher Freundekuß

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Den Welt- und Freundverlassenen! ward Labung ihm,
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Die Galle ward ihm Labung! »Ich bin's!« Ihm ward
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Die Fessel Triumphkranz! »Sucht Ihr mich? nichts mehr?«
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Und führten den prangenden König,

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Voll hohen Unschuldsgefühls. »Ihr greift mich in der Nacht.
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Ich hab' am Tage gelehrt, Ihr griffet mich nicht!
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Ich bin's, und dies ist Eure Stunde,
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Im Dunkeln!«

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Und führten den Siegprangenden:
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»ich bin ein König!« und geißelten, spotteten sein:
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»seht, welch ein Mensch!« in Dornenkrone
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Mit der Miene der Thronesunschuld.

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»in den Wolken komm' ich!« »Er lästert Gott!«
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Zerrissen die Kleider, huben ihn empor aufs Kreuz!
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»heut soll mein Paradies Dir sein!«
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Und gaben ihm Galle! er trank der Labung

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Triumphstrank. »'s ist, ist vollbracht!«
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Und starb verkannt! – War nicht verkannt!
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Die Thrän' und Blut, am Berge zu Staub geweint,
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Ward Perl' der Krone!

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Er lebt, und alle Welten beseliget
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Sein Nam', überwindet die Hölle, giebt sanften Tod!
59
Von der Welt verkannt, wir sehn ihn einst
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In Wolken wiederkommen!

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Verkennt, die ihn verkannten! erkennt,
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Die ihn noch wiederfinden! O Freund, wie er,
63
Rufe Dein
64
Das Geschrei der Dunkeln in öder Hülle!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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