Morgengesang

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: Morgengesang (1772)

1
Erwach, erwach am neuen Morgen
2
Mit allem neuen frühen Morgenchor,
3
Du meine Harf', und tön' ins frohe Weltgetümmel
4
Mit voller Sait' hinein!

5
Denn in das frohe Weltgetümmel
6
Gehörst auch, schwachbesaitet, Du, ins Chor
7
Der schönen Morgenstern' und früher Lerchenstimmen
8
Und alles Sphärenklangs.

9
Sie wandeln dort, die Sängerinnen,
10
Die Morgenstern', und singen ihn heran,
11
Der sie mit Vaterblicken segnet, todte Welten
12
Vom Schlummer lächelt auf.

13
Du auch ein Morgenstern, o Harfe,
14
Empfang ihn, der ein Jüngling kommen wird
15
Und güldne Strahlen Dir auf Deine Saiten klingen
16
Und wecken Deine Welt.

17
Der Erde Töchter wird er wecken,
18
Die Blumen, mit der süßen Liebe Pfeil,
19
Daß sie sich wundern ihres neuen schönen Schmuckes
20
Und weinen Freudenthau.

21
Des Himmels Chöre wird er wecken,
22
Die singenden Gefieder, daß sie hoch
23
Auf Lüften schweben und den Flug mit Tönen steuern
24
Und füllen Wald und Thal.

25
Und Alle sollst Du sie beleben,
26
Der Stimmen Erstgeborne, Tochter Du
27
Des Ewigen! Sieh, wie dort schon die Himmelsschwinge,
28
Die Lerche, Dir entsteigt!

29
Und jene Gipfel, wie sie rauschen
30
Dem Kommenden! Entzückungsschauer fließt
31
Durch alle Wesen, und in schwarzen, schweren Wellen
32
Erhebt die Nacht sich fort.

33
O herrsch umher, Du Harfe Gottes,
34
So weit der schöne Rosenjüngling strahlt;
35
Er herrscht am weiten Himmel, und die Dich beseelet,
36
Ist Erdekönigin.

37
Wohin er güldne Strahlen sendet,
38
Wie weit sein Zelt der blaue Himmel zieht,
39
Ist Dein Gebiet, o Seele; jene schöne Hütte
40
Ist hoch für Dich gewölbt.

41
All Deines Blickes hohes Ende,
42
All Deines Ganges End' ist Himmel nur;
43
Und Du, die in mir denkt, bist Sonne; was Du denkest,
44
Ist mehr als Lichtesstrahl.

45
Wer bist Du, neuerwachte Seele,
46
Die in sich selbst als eine Sonne blickt
47
Und gießt in
48
Der Farben ganzes Meer?

49
Wer bist Du, die auf Welten blicket
50
Und aus sich selber neue Welten schafft
51
Und, wie die Sonne dort, die Wesen rings beglänzet
52
Mit Licht und Seligkeit,

53
Daß Thränen, wie der holden Blume,
54
Der Dankbarkeit entfließen, daß sich Schmerz
55
Und Kummer selbst in Freudenthränen wandeln
56
Und werden Himmel uns?

57
O Tagewerk voll Götterwonne!
58
Schon wandelt dort der Jüngling seine Bahn.
59
Schweig, Harfe, daß auch ich die meine wandl' und ende
60
Mit schönem Abendroth!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.