Der Lorbeerkranz

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Johann Gottfried Herder: Der Lorbeerkranz (1771)

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Für die süße, zarte Liebe,
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Was ist Lorbeer, was ist Kranz?
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Wenn er dreimal ewig bliebe,
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Für die süße, zarte Liebe
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Nichts ist alles Ruhmes Glanz.

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Unter allen Göttersöhnen,
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Wer war einst wie Gott Apoll?
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Er, der Schönste aller Schönen,
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Zart am Herzen und in Tönen,
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Muth- und Stolz- und Weisheit-voll.

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Seht, und alle Götter neiden
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Seine Tugend, bannen ihn
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Ab vom Himmel; – raubt ihr Neiden,
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Raubt es ihm die Himmelsfreuden,
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Die ihm auch auf Wiesen blühn?

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Auf der Au', im grünen Thale
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Weidet, singet er, beglückt,
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Mehr als dort im Göttersaale
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Wird sein Herz zum ersten Male,
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Wird sein Herz zum Gott entzückt.

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Lieben lernt er! lernet lieben
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Zärtlich – und auch glücklich? Wann
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Warst Du glücklich, treue Liebe?
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Wurdest bald von Thränen trübe
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Und erstarbst im Jammer dann!

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Kaum noch, als er kaum zu siegen
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Blöde wähnet, blöde sie
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Sanft erröthend will entfliegen,
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Sich ihr Liebling um sie schmiegen,
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Götter, ach, da starret sie!

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Schrecklich starrt sie. Seine Arme
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Ringen um den kalten Baum,
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Ach, daß noch er sanft erwarme!
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Daß sich noch ein Gott erbarme!
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Aber ach, er lispelt kaum.

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»sind es Seufzer, die sich regen,
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Treue Liebe, die da wägt
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Dir die Zweige! ach, sie wägen
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Schauernder – mit Herzensschlägen!
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Todesangst ist, was hier schlägt.

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Sie ist Baum! – O Baum, so wehe
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Du mir Trost und süße Ruh,
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Hier in Deiner heil'gen Nähe,
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Wann ich weide, wann ich gehe,
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Weh, o Baum, mir Labung zu!«

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Also klagt' er, doch nur bänger
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Ward ihm sein verödet Herz.
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Was, o Jüngling, weilst Du länger?
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Klagst dem Baume, süßer Sänger,
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Klagst umsonst ihm Deinen Schmerz.

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Und Apollo ging, und lichter
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Ging er nun der Ehre Bahn,
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Ward Apollo Musenrichter,
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Held, Prophet und Arzt und Dichter,
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Ging gar wieder himmelan.

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Allgepriesen, allen Weisen,
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Allem Erdenraum bekannt,
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Jünglingen ein Muster, Greisen
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Wie zu loben, wie zu preisen!
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Und Apollo Alles – Tand!

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Statt der Feste, statt der Kronen,
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Schlich er oft zu seinem Baum:
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»süßer Baum, hier will ich wohnen!
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Statt der Feste, statt der Kronen
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Gieb mir meinen Jugendtraum!

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Kränze mich, zwar dürr und wilde,
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Aber mir ein süßer Kranz,
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Meine Daphne mir im Bilde!
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Daphne, schön und zart und milde,
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Daphne in der Jugend Glanz!

71
Kränze mich!« Und seht, die Thoren
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Sahn's und sahen nur den Brauch;
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Daphne war für sie verloren –
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Arme, weise, dürre Thoren,
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Nahmen nun den Lorbeerstrauch!

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Dürren Lorbeer! Und für Liebe,
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Was ist Lorbeer, was ist Kranz?
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Wenn er dreimal ewig bliebe,
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Für die süße, zarte Liebe
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Nichts ist alles Ruhmes Glanz.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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