Auf eine Sammlung Klopstock'scher Oden

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Johann Gottfried Herder: Auf eine Sammlung Klopstock'scher Oden (1771)

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Ja, sammelt sie, die Blätter, die zerrissnen,
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Zerstreuten Waisen Deutschlands! Süße Blüthe,
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Soll sie denn gar der Nord verwehn?

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Versammelt sie! Dem Bard' am tiefen Sunde
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Soll hier auf Kattenhöhn, auf Traubenbergen
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Sein Kranz der Wonnelieder blühn!

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Denn seine Wonnelieder sind sie! Blumen
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Der ersten Frühlingsseele! sind die Bräute
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Der Morgenröthe Phantasie

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Von Klopstock's Leben! Ach, der Bardejüngling
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Schuf damals noch sein Schäfer-Eden, schuf es
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Weltüber! denn auf dieser Welt,

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Wo ist's? Rief Fanny, die er noch nicht kannte,
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Und Fanny, die er nie, nie kennen sollte,
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Sang seine Meta! Meta selbst

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Ward ihm ja Jugendtraum nur! Und in Anbruch
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Des Traums, in Ahnungs-, in Prophetenfarben
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Da war's! da taucht' er seinen Kiel

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Und schuf sich Rosenhimmel! Spricht mit Engeln
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Als Brüdern, mit dem Gott, der Engel Vater,
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Als liebezartes jüngstes Kind,

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Das ihm im Schooße lacht. Lacht Himmel um sich,
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Und wo der Himmel Nacht wird, o, da dämmern
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Ihm Thränen neues Himmelreich.

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Aufklären sie die Blick' ihm, daß er Zeiten
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Weissagt, die kommen – weil sie kommen sollen!
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Und laben ihn mit Ahnungstraum,

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Mit Wiedersehn, mit Auferstehungsfreuden,
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Mit Dortumarmen, mit der Krone Dämmrung,
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Die hier ihm, ach, zur Dornkron' ward!

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Eilt dann ins Freundechor hin, dichtet Freunde
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Sich hin ins Leben; sie sollen's jetzt ihm werden!
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Und haucht sie mit Begeisterung

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Der Täuschungstund' an. Ach, der Bardejüngling
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Sah Menschen noch als Bilder! holde Schatten
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Des Teppichs! Liebetrunkner Blick,

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Du hattest nicht getastet, und die Bilder
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So wändeflach gefunden! – Menschenschöne
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Ist Außenwerk, ist Hülle nur,

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Ist schöne Farb' und Gliederwohllaut. Innen
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In Eingeweiden der Natur, in Rädern
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Des Kreiselaufs, wo ist sie da,

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Die süße Täuschung? wo die Morgenrosen
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Der Wangen und der schöne Puls des Busens
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Und aller Reize Zaubermacht? –

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Doch weg, Zergliedrerstahl! Du Menschheitmörder,
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Der Mörder aller Reiz' und Lebensfreuden,
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Weg in des kalten Todes Hand,

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Nicht in die Hand des Jünglings! Geht, Ihr Freunde
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Der Unschuldslieb' und Wonn' und ihrer Muse
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Und ihres Thränenlustgesangs,

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Geht, Freunde Klopstock's! und der schönste Segen
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Der Menschheit segn' Euch: seid o süß getäuschet
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Von Lied und Wonn' und Lebenszeit!

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Ihr sollt mit Klopstock weinen! Eure Thränen,
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Die Kinder schöner Herzen, solln ihn schöner schmücken
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Als harter Meeresperlen Kranz!

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Ihr sollt mit Klopstock weinen! und, in Blumen
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Des nahen Frühlings hinzerfließend, fühlen,
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Ihn fühlen, Lebens ganzen Werth!

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Ein Freud'–, ein Freundschaftsbeben! zwischen Bergen
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Der alten guten Katten, an den Grenzen
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Des trugverarmten Galliens!

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Sollt Euch da stilles Eden schaffen, Reben
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Des süßen Wahnes trunkner Stirn umschlingen
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Und allvergessen, was die Welt

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(die große Sklaven-, Trug- und Narren- Erde!),
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Vergessen, was sie wirklich ist, und schaffen
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In Euch und um Euch Eure Welt,

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Und dann mit Klopstock's jauchzen! Eure Fürstin,
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Von Kön'gen einst und Königinnen Mutter,
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Heil Euch, daß sie mit Klopstock fühlt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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