Traumbild der Geliebten

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Johann Gottfried Herder: Traumbild der Geliebten (1771)

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Die als ein Himmelsengel mich,
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Ach, kurz begegnete,
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Zu Schottlands Hütte feierlich
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Mich scheidend segnete
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Und dann noch brünstig mich umfing
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Und dann an meinem Bette
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Noch wie an meinem Schatten hing,
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Ob da sie Hütte hätte.

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Ach, Schottlands Hütte ist hier nicht,
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Ein leeres Haus ist sie!
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Greis Fingal's Menschen sind hier nicht,
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Sind Alle Sklaven sie!
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Und ich, mit armem, wüstem Blick
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Such' ich mich ringsum wieder:
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»komm, Traum! kommt, Brüder, noch zurück!«
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Und finde keine Brüder!

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Nicht Einen, Keinen find' ich hier,
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Der, Bruder für mein Herz,
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Mich liebte, mit mir lebte, mir
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Im Freudeton und Schmerz,
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Ach,
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Nicht
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Drum sink' ich jetzt in welche Ruh!
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Mit schmerzbetäubten Wunden,

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Und speise mich mit Träumen! Ist,
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Wo ist der süßste Traum? –
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Du, Schottlands Hütte, wo? wo bist
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Du, rauschend wilder Baum,
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Der noch auch edle Seelen kann,
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Ein liebes Dach, beschirmen,
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Vor Niedertracht beschirmen kann
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Und bergen froh in Stürmen!

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Ach, unser freies Vaterland,
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Was Sklaven nur gebiert,
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Wo unter Knechtetitel Tand
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Sich Muth und Geist verliert,
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Wo Viehesdummheit, Stolz und Neid
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Und Affenaberglauben
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Und Pöbelniederträchtigkeit,
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Ach, welch ein Herz mir rauben!

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Wegrauben edles Selbstgefühl
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Und That- und Lebensmuth,
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Der besten Stunden süßes Spiel
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Im warmen Jugendblut
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Und Menschheit rauben! – ach! und mir
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Sind wenig meiner Tage.
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Und, Mutter Vorsicht, dank' ich Dir
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Die wenigen als Plage?

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Komm, Traumesmädchen, komm zurück
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In Deiner lichten Spur,
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Mit Deinem Liebethränenblick,
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Auch als ein Schatte nur,
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Als Traumbild nur, mit Zauberwort,
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Und sprich zu meiner Seele
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Und schweb und zeige mir den Ort
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Und zeig ihn meiner Seele:

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»dort wird, dort wird die Hütte sein,
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Der Liebe sel'ges Dach,
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In jener Au', in jenem Hain!«
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Ach, Zephyr, sprich ihr nach,
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Die so als Himmelsengel mich
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Im Göttertraum begegnet
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Und noch zu Schottlands Hütte mich,
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Prophetin, mich so segnet!

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Drum, Mädchen, wenn in dieser Welt
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(mit Seele spricht's mein Blick)
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Das Schicksal stets in Ketten hält
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Und trennet uns zurück:
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In letzter Lebensstunde wird
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Dein Bild noch vor mir schweben,
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Und nur von ihm zur Hütt' geführt,
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Such' ich ein ander Leben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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