Ja, Freund, ich

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Johann Gottfried Herder: Ja, Freund, ich Titel entspricht 1. Vers(1770)

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Ja, Freund, ich
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Was ist's, daß ew'ger Tod Dich ewig quäle?
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Komm! sieh! der Hoffnungszweig, den ich hier habe,
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Er wuchs am Grabe!

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Da sieh sie wesen, sie, der Morgenrosen
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Die schönste Ros'! und ach, im Liebekosen
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Des Buhlerwests kam Hauch aus Todesseen,
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Sie wegzuwehen!

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Das Rosenmädchen, Kind der Unschuldsaue,
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Schön ausgeschmückte Braut, im Perlenthaue
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Schön angelacht von falscher Morgenröthe,
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Daß sie sie tödte –

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Ist diese Handvoll Erde nun, o Knabe
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Der Hoffnung! Und auch Du sinkst so zu Grabe
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Mit Blüth' und Frucht und edlen Muths Geberde,
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Wirst Handvoll Erde!

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Und bist denn, Handvoll Erde, Du das Wesen,
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Was der Allweise seiner Welt erlesen?
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In Dich sind Herz und Geist, und Göttergaben
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In Dich begraben!

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Die Thränen all, aus edlem Muth vergossen,
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Die Thränen all, der Tugend hingeflossen,
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Die Thränen, köstlicher als Perl' und Sonnen,
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In Dich zerronnen!

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Zerronnen in Dich alle Göttertriebe,
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Wunsch der Unsterblichkeit, der Wahrheit Liebe,
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Gedanke Gottes! ach, die schöne Seele
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In Mörderhöhle

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Dahingemordet! Staub, o Du der Wesen
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Verächtlichstes, zu Menschengraun erlesen,
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So tret' ich Dich, so streu' ich Dich in Lüfte,
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In Höhlengrüfte,

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Streu' Dich, ein frommer Menschenfeind, zum Himmel
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Sei Pest und würg auf einmal das Getümmel
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Der feigen Elenden, die Gott anbeten –
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Sich nicht zu tödten,

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Die Geist und Nacken ehrerbietig bücken,
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Vom Fuß des Wüthrichs frömmigst zu zerknicken,
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Mit Last der Fesseln sich die Rechte binden,
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Nicht ihn zu finden,

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Womit ich Gott und Machttyrannen höhne,
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Den Dolch! – Und Sklave, feiler Weichling, fröhne!
43
Mein Dolch, wie Catons, gräbt im Heldenherzen
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Das Grab der Schmerzen

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Und blinkt, wie Catons, rächend aus den Wunden:
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»seht, Trugesgötter, seht Euch überwunden!«
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So soll ringsum wie dieser Handkloß Erden
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Die Erde werden!

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So, Du Gespiele meiner Jugend, Sprosse,
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So reiß' ich Dich aus Deiner Mutter Schooße.
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Du solltest Frühling sehn? solltst auferstehen,
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Und ich vergehen?

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Vergehe mit! und könnt' ich allen, allen
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Welt-, Erden, Sonnen heißen, daß sie fallen,
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Daß mit mir, der ich so, so schnöde sterbe,
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Das All verderbe,

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Das All, wie diese Handvoll Seelenerde,
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Des Schicksals Graun, der Götter Abscheu werde!
59
Daß – kühner Unsinn, nicht des Schicksals Schwestern,
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Gott selbst zu lästern!

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Nicht Welten, Dich, Dich selbst nur zu verheeren,
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Mein Dasein nicht, mein Glück nur abzuschwören,
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Nicht Noth, nicht Welt, nicht Seele zu vergüten,
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Nein, nur zu wüthen,

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Als Bösewicht mit ew'gen Ketten klirren!
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Vernunft, welch Höllenwahnsinn konnt' Dich irren?
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Wie Furien statt Lorbeern, Dich zu höhnen,
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Mit Schlangen krönen!

69
Nein, ruhe, Handvoll Staub! Der Aethersfunken,
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Der Weltengeist, in Deinen Staub versunken,
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Ist da, wohin nicht West, nicht Nord verheeret,
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Zurückgekehret.

73
Und Du, o Zweig, sollst aus des Leichnams Erden
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Dem Freunde Brautkranz ew'ger Jugend werden!
75
Nein, unser Geist kann nicht, wenn's Welten winken,
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In Asche sinken.

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Um uns gehn Schatten, Freund! in Schatten wandern
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Der Gottheit Kräft' aus einer Welt zur andern!
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Knie her in Staub, Den, der nicht kann Dich tödten,
80
Frei anzubeten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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