Woher, Du Wolkenpalast, an die Säume

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Johann Gottfried Herder: Woher, Du Wolkenpalast, an die Säume Titel entspricht 1. Vers(1770)

1
Woher, Du Wolkenpalast, an die Säume
2
Der Erd' hinausgebreitet, fern
3
Vom Libanon zum Hekla, zu den Affen
4
Und Patagonen hin?

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Woher, Du Himmelsstürmer, der den Zeiten
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Verwüstung drohet? Wo dann ruhn
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Die ew'gen Säulen, die Dich stützen? Hobest,
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Erhobst Du Dich nicht selbst

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Auf Trümmern nur versunkner Heiligthümer,
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Im Sturz der Zeiten, namenlos?
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So wie in Tagesneig' ein Moderwölkchen
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Im fernen grauen Ost.

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Das Moderwölkchen unbeahnet sammelt
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Aus Höll- und Klüften Dämpfe sich,
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Bis Mitternachts es hoch sein Haupt erhebet
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Und deckt der Sterne Glanz,

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Und überzieht den Himmel, stürzet nieder
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Die Schlummernden in mehr als Nacht,
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In Dampf und Trümmer. Schaut die Zauberwolke!
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Sie hüllt das alte Rom,

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Das Helden-Rom, die Königin der Welten,
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Auf ihren sieben Thronen ein
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Zur Zaubervettel mit dem vollen Becher,
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Zur Herrscherin der Welt

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Auf sieben neuen Thronen. Und die Erde
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Floß über von des Bechers Wuth;
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Die Völker taumelten; der Berg der Götter,
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Der Berg der Musen wich;

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Meerüber floh die Weisheit in die Zelte
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Gastfreier wilder Araber.
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Die Bücher brannten, und der Rauch der Bücher
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Erhebt sie prächtiger,

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Die Zauberwolk'. In schwarzen runden Wellen
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Rollt sie von Erd' zu Erden hin,
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Und in ihr klirren Ketten, heil'ge Waffen
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Der Zwietracht, Paukenschall

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Zum Morde der Vernunft. Die Banne blitzen,
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Wie Höllengabeln heben sie
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Die Kronen von der Königsschläfe, jagen
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Im Strudel alle Welt

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Gen Osten in das heil'ge Grab des Todes;
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Da pranget nun, was Wolke war,
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Als Palast des gekrönten Schuhs, der Thronen
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Wie Sünden niedertrat.

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Noch steht der alte Palast, aber öde;
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Und immer sinkt der Nebel mehr.
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Ihr Brüder, seht, die schöne helle Sonne
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Steigt langsam schon empor!

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Der Nebel sinkt, und mehr als Wolkenschlösser
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Stehn glänzend uns vor Augen da.
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So nahe wart Ihr, Hütten bessrer Menschen,
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Und wir, wir sahn Euch nicht,

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In Nacht begraben. Kommt, der Hütten Kinder!
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Auf freiem Hügel wollen wir
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Der Morgenkönigin, der Sonn', uns weihen,
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Die Euch das Licht gebracht.

57
Ihr horchet, was dort in der letzten Wolke
58
Wegjammert? Brüder, horchet nicht!
59
Es ist der Circe Lied! sie wandelt Menschen
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Zu Opferthieren um.

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Kommt, vor dem Angesicht der Morgenröthe
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Uns zu umarmen, und nur ihr,
63
Der Göttlichen, so lange, lange Sklavin,
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Der Wahrheit uns zu weihn!

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Und Menschenwürde, Menschenfreiheit wollen
66
Wir redlich anerkennen, rein
67
Anbeten Gott, bis einst allgegenwärtig
68
Der Welt die Sonne strahlt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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