Mein Schicksal

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Johann Gottfried Herder: Mein Schicksal (1770)

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Meines Lebens verworrene
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Schattenfabel! o frühe, frühe begann sie schon
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Dunkel. Bebte den kommenden
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Lebensflüchtling ein Schau'r hier auf die Wüste der
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Erde, daß er in Wüste sich
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Unterm Klange der Nacht inne ward, daß ihm Schau'r
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Mächtig ewig ins Innre klang;
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Daß ihm Leben und Tod, Schlummer und Auferstehn,
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Freud' und Wonne des Lebens ihm,
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Hoher Göttergedank' und der zerfließenden
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Seele Fülle wie Wandeltraum
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Hindurchschwebet; daß ihm seine Erlesenen
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Stets im Wetter vorübergehn,
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Stets, aus dunkelm Gewölk Blitze, die weckenden
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Väterstimmen ihm Mitternachts
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Kommen, reden und hinwandeln in Mitternachts-
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Dunkel, und er wandelt allein! –
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Schicksalsschwestern, warum? die Ihr sein Tageloos
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Warfet, warfet Ihr's unhold stets
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Irrhinüber, wohin nimmer das Götterbild
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Seines leitenden Dämons wies?
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Irrhinüber, wohin aller erstrebenden
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Ahnung Kräfte nicht ahneten? –
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Ach, da weben sie nun meiner erzogenen
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Hoffnung Blüthe! da weben sie
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Einsam, Waisen, wie Wurf nächtlich erstarreter
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Frühlingsblätter! da flatterst Du,
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Schattenfabel, zerstückt, scenezerrissen! Wurf
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Dort und hinnen verlorner Zeit!
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Schicksalsschwestern! o wie? Sammeln sich, sammeln sich
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Dem ermatteten Lebensblick
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Einst die Scenen? ersieht er in den wehenden
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Blättern je der Vorsehung Buch?
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Je einst Ernte der Saat? jener verflogenen
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Erdbegrabnen, gemoderten
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Keime Frühling? und rauscht Aehrengefild hinab,
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Rauscht durch früchtebelastete
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Zweige? siehet erstaunt sich die verworrene
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Schattenfabel zum Prachttriumph
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Sammeln? siehet erstaunt Krümmen und Mißgestalt
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Sich zur Schöne des Ganzen ziehn? –
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Schicksalsschwestern, o sprecht! Wie oder liegen mir
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In der nächtlichen Zukunft Schooß
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Dort noch immer das Heer wartender Schauer? harrt
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Meinem Gange noch bis ans Ziel
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Ungewitter? – Ich hör', höre sie fernher schon
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Flügel schwingen: »Wir werden sein,
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Wie wir waren! o Sohn schaudernder Mitternacht,
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Wie wir waren!« Ihr brauset mir
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Meinen Wandrergesang, Stürme! Du, feuriger
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Zeuchst Du, Wettergebärerin,
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Haupthinüber mir schon! rauschet des Ungestüms
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Fittig, sterneberaubt, mich schon
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Neue Wüsten hinan! drohendes Waldgebirg
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Unbetretner, verwebeter
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Dorngefilde durchan! Ach, des Ermüdenden
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Lebenswege! »Wir werden sein,
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Wie wir waren!« – Wolan, Wandrer, sie waren nie
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Feige Krümmen des Schlangengangs!
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Wandrer, höre Triumph! siehe, sie werden sein,
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Wie sie waren! Des Frommen Gang,
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Der den kriechenden Gleis unter dem Fuß vertrat,
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Nicht für Götter und Tempel log,
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Nicht für Purpur und Gold heuchelt', und ungestüm
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Nur der Wahrheit, und ungestüm,
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Biedermenschheit, nur Dir, würdige Tugend, Dir
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Sich im Leben ermattet hat. –
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Matter Wandrer, wolan! wie die verworrene
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Schattenfabel auch enden mag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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