Als ich an einer Archäologie des Morgenlandes arbeitete

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Johann Gottfried Herder: Als ich an einer Archäologie des Morgenlandes arbeitete (1769)

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Im Hain der hohen Göttergesichte (Nacht
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Umhüllte rings mit Traume den wachen Geist),
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Da ging ich in den Labyrinthen
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Ferner Aeonen und stand am Abgrund

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Des Anfangs. »Welten, Völker und Zeiten, wann
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Begannen sie? wann riß nach unendlichen
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Ruh-Ewigkeiten sich ihr Rad nun
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Feurigen Schwungs in den wüsten Aether?

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Du Erd' und Du, o kleinere Erdenwelt,
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Du Mensch, ein Thier und Engel, ein Sonnenstrahl
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Im Staubgewebe, welche Sonne
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Troff Dich zusammen, in welchem Thale?

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Und standst und dachtest! sahest die junge Welt
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Mit Königsblicke, fühletest Harmonie
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Der Wesen um Dich, fühltest in Dir
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Kräfte der Gottheit, der Schöpfung Kräfte!

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Die ihn erzogen, Mütter-Aeonen, ihn
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Vom trägen Staube, Sonnen und Pol vorbei,
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Durch Empyreums und des Abgrunds
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Goldne verschlossene Thore führten:

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An Eurem Busen, sprechet, wie lange lag
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Der Säugling, Weisheit lallend? wie lange ging
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Der Menschengeist durch Regionen,
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Völkerumwälzungen, Licht und Dunkel

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Von Schritt zu Schritte? Sprechet in Bildern mir!
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Sind Geistesschätze, Werke der Götter! sind
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Gedankenwelten nicht im Taumel
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Stürzender Zeiten oft mit versunken?

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Wie oder klagt Ihr, Mütter-Aeonen? klagt
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Verloren Eure Tochter, die schöne Braut
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Des Paradieses, süße Unschuld,
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Holde, gesellige, sel'ge Liebe?

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Und stürmt in Saiten: ›Wehe der blendenden
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Abgöttin! weh Dir, blätterverhüllte Scham,
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Scheintugenden, Ihr Sodomsfrüchte
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Reizender Schöne, von innen Dampf nur!‹

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Allwisserinnen! Schweigt Ihr, Jahrhunderte?
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Wie oder nenn' ich Musen? wie oder war
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Der reizenden Gedächtnißtöchter
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Singender Reihen noch nicht geboren?

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Deckt ew'ge Nacht die Wiege der Menschheit? Geht
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Das weise Volk der Erde, wie Fische gehn
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Im Meer, wie dort des Himmels Vögel
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Ewig in Wüsten der Lüfte schweifen?«

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So sprach ich! Sieh, da wehte mich Gottes Hauch
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Zum ersten Morgen. Siehe, da trafen mich
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Gesichte. Der Elohim Chöre
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Sangen ein ewiges Lied der Schöpfung:

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»wie Gott, als lange schaudernde, kalte Nacht
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Auf Erd' und Meeren fluthete, Gott sein Licht
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Urplötzlich aufrief, und sich Himmel
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Droben und unten Gebirge wölbten –

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Er sprach zur Sonne: ›Siehe, da gehe Du
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Den Königsgang, o Sonne! Du Trösterin
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Der Nächte, komm! Und alle Sterne,
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Stimmet in hohen Accord zusammen!‹

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Und Allem gab er seine Bewohner, gab
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Sie Meer und Erden. Siehe, da stand der Mensch,
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Das Götterbild, und alle Wesen
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Stimmten in hohen Accord zusammen.«

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Die sieben Chöre schwiegen. Da sprach ein Ton,
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Wie unter Kindern fabelnd, ein Vaterton,
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Sprach unter Bäumen, wie ein Baum einst
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Lockende Weisheit und Tod gefruchtet;

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Und Gott dem Weibe Schmerzen und Lebensmüh,
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Und Gott dem Manne Kummer und theuren Schweiß
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Verkündiget, und bald die Erde
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Ströme des Bruders mit Angst getrunken;

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Und ein Geschlecht bald Waffen und Schwert erfand,
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Und ein Geschlecht bald Riesen und Mord gebar,
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Und Gott die frevelnden Geschlechte
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Unter die Wasser des Abgrunds senkte;

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Und neue Welt vom Schlamme des Abgrunds hob,
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Und neue Welt ihm frohe Gelübde fand,
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Dem Rächer! und des Rächers Bogen
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Gnade vom Himmel der Welt gelobte.

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Drauf sah ich Himmelsstürmer; ich sah, wie schnell
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Sich ihre Schaaren trennten, wie Sprachen hier
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Und Sprachen dort hinzogen. Alle
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Flohen dem Auge, nur blieb da vor mir –

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Ich fuhr empor und wachte. Was ich gesehn,
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Saht Ihr es, Dichter, Weise, Propheten? Wer,
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Des Aufgangs Söhne, wessen Blick kam
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Näher ans heilige Dunkel Gottes?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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