Als ich von Livland aus zu Schiffe ging

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Gottfried Herder: Als ich von Livland aus zu Schiffe ging (1769)

1
Sieh, Freund, da fliehn sie hin im Ungewitter,
2
Die Freunde meiner Jugend! Sie,
3
Die liebekühn uns bis zur Grenze folgten
4
Des alten Oceans.

5
Am Himmel traten vor des Vaters Antlitz
6
Die Sterne, Abendstern und Mond!
7
Er segnet' sie hinweg. Da rief zum Meer uns
8
Der wehnde Himmelssohn.

9
Da schied der letzte Kuß. An's Oceanes
10
Wildwehndem, unabsehbarn Reich,
11
In reger Lust, im Angesicht des Himmels
12
Der treuste letzte Kuß,

13
Der je geschieden ward! Und ach! nie rascher,
14
So bebend furchtbar schwankender
15
Hinweggeschieden! Hier an zweer Schiffe
16
Aufbebend fliehndem Rand –

17
Ein Ungewitter riß ihn! Ahnungsdonner –
18
Wie? ahnetest Du ewig ihn,
19
Den Kuß der Trennung? soll er nimmer werden
20
Der Kuß des Kommenden?

21
Zu ihren Hütten kommend! – Zu den Hütten
22
Der Noth und Freude, wo sie jetzt
23
Hinkehren – blicken noch vom schwanken Boote
24
Mit Thränen nach uns her,

25
Mit Thränen nach uns her! und senden Boten,
26
Der Freundschaft Seufzer, uns nur weg,
27
Nur weg zu flügeln! Sieh! da ist ihr Boot nur
28
Schon Wolke – nur ein Punkt,

29
Ein schwarzer Punkt im Meer. O Freund, wie Alles,
30
Einst Alles, Alles uns wird sein
31
Ein schwarzer Punkt im Meer! Verlorne Freunde
32
Und Freud' und Lebenszeit

33
Im Ungewitter abgerissen! Schone,
34
Du wilder Sohn des Himmels, Du!
35
Du kehrst mit ihnen eine Welt voll edler
36
Verlorner Freund' hinab!

37
Sie waren edel, waren meiner Jugend
38
Der schönste Theil! die Lebenszeit
39
Der Freude! waren mir wie jene Fluren,
40
Die ich genoß und sang!

41
Genoß und sang! Dort fliehn sie, Freund' und Fluren,
42
Genossen und verloren mir,
43
Wie Lenz', ach! nimmer, nimmer wiederkehrend,
44
Freund, wie uns einst die Welt! –

45
Denn sieh, dort sinkt der Himmel, dessen Kindern,
46
Dem holden West- und Abendroth
47
Und ihrer holdren Schwester Morgenröthe,
48
Wir dort um Gunst gebuhlt.

49
Sieh noch den Himmel, Mann! er wird schon Wolke,
50
Senkt scheidend schon sein Angesicht
51
In trüben Meeressaum. Seh' ich Dich wieder,
52
Du scheidend Himmelszelt?

53
Seh' ich Dich wieder? Ach, da wall' ich Fremdling
54
Auf offnem, weiten Meere nun!
55
Geh', wie ich zu ihm kam! So höre, Himmel,
56
Des Fremdlings Scheidewort!

57
Hör es, das dort wie Opferwolke dämmert,
58
Mein zweites, holdres Vaterland,
59
Du, dem den Fremdling Ungefähr und Leichtsinn
60
Warf in den Mutterschooß!

61
Dein Mutterschooß empfing den Fremdling sanfter
62
Als sein verjochtes Vaterland!
63
Ihn sanfter als die eignen Halbgebornen!
64
Und liebtest mütterlich,

65
Gabst mütterlich dem Fremdling Wunsch und Hoffnung,
66
Arbeit und Muse, Freud' und Brod
67
Und Neidessporn, ihn anzuglühn! und gabst ihm
68
Der Freunde warmes Herz,

69
Der Freunde Herz, aus deren Bundesarmen
70
Ich mich dort bitter weinend rang.
71
Für Alles! Alles! segnet Dich der Fremdling! –
72
Mehr sagen kann er nicht!

73
Und wallet hin auf Meer und Tod! – Ach, Alles!
74
Wenn, Freund, dem sterbeletzten Blick
75
Einst alle Welt, wie jener Mutterhimmel,
76
In Wolke niedersinkt –

77
Mit Freund- und Freuden! Hab' und Ruhm und Leben!
78
Wo, Pilger, wo dann schweben wir
79
In Wüsten wilden Meers? – hin übern Spiegel
80
Des Abgrunds? – übern Rand

81
Der Schöpfungsstätte? Du, wie lange wallen
82
Wir, Pilger! in der Einöd' dann?
83
Wo uns kein irrer Vogel singet, keine
84
Verschlagne Nachtigall! – –

85
Nicht zweifle, Freund! Sieh, über uns hängt Himmel!
86
Auch dann hängt Himmel über Dir,
87
Wenn Alles rückbleibt! Hoffnung nicht! Ich trete
88
Aufs schwarze Todesschiff

89
Mit Hoffnung. Zittre, Charon, nicht! Du fährest,
90
O Charon, einen Göttersohn!
91
Ein Menschenwesen! – Mehr als Teucer führt uns!
92
Da ruft schon Stimme: »Land!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.