Ein Nachtgemälde

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Johann Gottfried Herder: Ein Nachtgemälde (1769)

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Also werden sie verdämmern,
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Meines Lebens Sonnenblicke,
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Schön und traurig in die Nacht;
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Und Du, Thräne meiner Jugend,
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Brichst mir meine Sonnenblicke
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Früher schon in Todesnacht!

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Lustgefilde grauer Schatten,
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Blumen, die der Tod entfärbet,
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Deren Haupt der kalte Thau
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Niederbeugt mit stummer Thräne,
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Und die Thräne träufelt nieder,
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Und der Boden trinkt sie stumm:

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Also sind auch mir verblühet,
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Mir verschwunden Bäum' und Lauben.
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Meiner Jugend Brüder sind,
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Alle sind nicht mehr, die Brüder,
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Die Gespielen meiner Jugend!
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Und ist denn ihr Bruder noch?

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Schöner Silbersee, in dem ich
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Mit gesenktem Seherblicke
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Neue Welten hangen sah,
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Deine Welten sind versunken,
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Schöner Silbersee, Du hüllest
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Trübe Deinen blauen Schooß.

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Gleich den bunten Schmetterlingen,
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Die im Morgenduft der Blumen
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Gaukelten, sind sie mir weg-,
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Weggegaukelt, Freuden, Freunde,
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Sind in alle Welt zerstreuet,
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Oder modern schon zu Staub.

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Und in einer Pilgerhütte,
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Unter dieses Baumes Schatten,
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Wohn' ich. Ach, des Baumes Frucht
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Geußet Müh und schmecket bitter;
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Aber seine Blüthen trösten;
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Denn sie heißen Hoffnungen.

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Und so komm denn, mich zu trösten,
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Mich zu laben, süße Blüthe,
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Und auch Du komm, bittre Frucht!
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Jenseit jener Berge sollen
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Süßre Gartenfrüchte blühen,
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Und sie reifen schon für mich.

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Und auch von dem kalten Thaue
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Soll sich Alles frischer färben,
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Sollen schöner auferstehn
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Blumen, holde Morgenrosen,
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Mit der Freudethrän' im Busen,
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Ihre Wange Morgenroth.

49
Und ja auch um meine Hütte
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Duftet eine Nachtviole
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Labend-süßen Schattenduft.
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Dufte dort, bescheidne Blume,
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Mich verschleiert zu erquicken
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Mit dem Kuß der Dämmerung!

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Nie will ich der Sonne Spiegel
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Rauben, Deinen Duft zu kosten,
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Nie Dich in ein Strahlenmeer
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Tauchen, Deinen Wuchs zu höhnen,
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Deine Demuth zu beschämen,
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Deine Nichtigkeit zu schmähn.

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Denn was soll der Sonnenspiegel,
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Duft der Dämmerung zu kosten?
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Was soll mir ein Strahlenmeer,
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Schattenfreunde zu beschämen,
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Morgenträume zu verjagen
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Und den Jüngling zu ergraun?

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Trug ist Alles: Licht und Schatten,
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Morgenpracht und Abenddämmrung,
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Nachtviol' und Nachtigall.
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Trug um Trug! Und Trugeswonne,
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Bei dem Tausche wegzutauschen,
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Um sich arm getäuscht zu sehn!

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Weise Blöde! Armer Scharfsinn,
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Der den falschen Zauberspiegel
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Nicht zerbricht, nur dunkel trübt!
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Sohn von Liliput, Du Kleinling,
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Zeigst in meinen Jugendfreuden
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Mir statt Reiz ein Brobdingnag.

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Menschen-Feind, nicht Freund! Du zeigst mir,
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Ruhm sei Schatten, meine Liebe
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Buhle um ein Rosenglück.
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Ruhm ist Schatten, Jugendliebe
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Ist nur eine Rosenliebe;
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Aber auch die Rose blüht.

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Nein, o Welt, Du holde Wüste,
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Wo nichts ist und Alles scheinet,
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Und doch wahr und lieblich scheint!
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Und Ihr süßen Täuscherinnen,
89
Sinne, gebt mir immer Wolken,
90
Wenn sie Engelspeise sind!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Gottfried Herder
(17441803)

* 25.08.1744 in Mohrungen, † 18.12.1803 in Weimar

männlich, geb. Herder

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Theologe und Philosoph

(Aus: Wikidata.org)

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